Page - 172 - in Musik am Dom zu Salzburg - Repertoire und liturgisch gebundene Praxis zwischen hochbarocker Repräsentation und Mozart-Kult
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5 Aspekte derAufführungspraxis
senReduzierung auf einTrompetenpaar.237 In jüngs-
tenForschungen anhanddes SalzburgerDommusikre-
pertoires konnte gezeigtwerden, dass die konsequente
Aufgabe des größeren Trompetenchores, die in Zu-
sammenhangmit demAmtsantritt Fürsterzbischof
HieronymusColloredos zu sehen ist, einenTeilaspekt
von dessen spätaufklärerischenReformen u.a. auch
derKirchenmusikdarstellt, imZugederer die zeremo-
nielle Bedeutung vonTrompeten einemassiveWand-
lung erfahren hat, was sich u.a. in derBeschneidung
von derenPräsenz in usueller Praxis und komponier-
tenMusiken ausdrückte238 – offenbar zugunsten des
Gebrauchsweniger symbolbehafteter und zeremoniell
geprägter InstrumentewieHörnern undOboen.Wie
in einerNotiz in demvonLuigiGatti geschriebenen
OrdoFestivitatum et Functionum festgehalten ist,wa-
ren nichtmehr,wie nochbeiKarlHeinrichBiber, die
Trompeten (undPauken) allein diemusikalischenRe-
präsentantendes oberstenFestranges derFestaPallii,
vielmehr zeichnen sich solenneMusiken nun durch
„musica plena cum tota orchestra“ aus, wohingegen
Musik für geringere Feste „exceptis Clarinis, Hobois
etCornibus“239 auszuführenwar.
Die in den Stimmenbezeichnungen der Sammlung
regelmäßig anzutreffendeUnterscheidung von „Cla-
rino“ und „Tromba“ hat ihrenUrsprung in der Be-
einflussung komponierterTrompetenmusiken durch
die älteren usuellenPraktiken derTrompetenensem-
bles240, in denen auf Basis einer genau festgelegten
Stimmlagenaufteilung über einstimmigeMelodien im-
provisiert wurde.Die Stimmlagenbezeichnung erfolgt
durch spezielleTermini241, von denen „Clarino“ für
in Herne 2000, München u. Salzburg: Katzbichler 2001,
S. 122–137, hier: bes. S. 127–129.
237Zu einerTypologie derBesetzungen inMozarts Salzburger
Kirchenmusik vgl.Schmid:Mozart und die Salzburger Tra-
dition, S. 255–259.Die dort getroffeneUnterscheidung von
„einfachem“ und „vergrößertem“Trompetenchor ersetzen
wirvorallemausdemGrundmusiksoziologischerTriftigkeit
durch das Begriffspaar (vierstimmiger) „Trompetenchor“
und „Trompetenpaar“.
238Dazu ausführlichLaubhold: „Gatti, Colloredo und die Salz-
burgerTrompetenmusik“.
239Ebd., S. 127f.
240Dazu grundlegend Schmid, Manfred Hermann: „Trom-
peterchor und Sprachvertonung bei Heinrich Schütz“, in:
Schütz-Jahrbuch, 13 (1991), S. 28–55.
241Vgl.Altenburg,Detlef:Untersuchungen zurGeschichte
der Trompete imZeitalter der Clarinblaskunst 1500–1800,
3 Bände, Regensburg: Bosse 1973, (Kölner Studien zur
Musikwissenschaft, 75), S. 351–366mit übersichtsartiger
Aufstellung der Lagenbezeichnungen bei diversen zeitgenös-
sischenAutoren. die Lage vom8.Naturton, d.h. vom (geschriebenen)
c2 aufwärts, in der auch aufNaturinstrumenten das
diatonische Spielmöglich ist, in die allgemeinemusi-
kalischeTerminologieEinganggefundenhat.Auchdie
an die Stimmenbezeichnungen gekoppelte Schreibwei-
se imViolinschlüssel (G-2) fürClarini undAlt- bzw.
Tenorschlüssel (C-3/C-4) für die Trombe, die noch
in den letzten für den Dom komponiertenWerken
mit großemTrompeterchor anzutreffen ist, hat in der
striktenTonraumaufteilung der tradiertenEnsemble-
praxis ihrenUrsprung.
In älterenQuellen desDommusikarchivs ist in den
Sätzen für vierstimmigenTrompeterchor dieseHer-
kunft noch gut erkennbar, wenn über einem in tiefer
Lage gesetzen Paar Trombe zwei von diesen rhyth-
mischunabhängiggeführtekonzertierendeClarini, oft
inTerzen zueinander, gesetzt sind.DieAbkehr von
diesemModell verläuft über die ‚nach unten‘ nivel-
lierende rhythmische Angleichung von Clarin- und
Trombestimmen, wobei die Clarini die Einbindung
insmelodisch-thematischeGeschehen einbüßen.Dass
sie mit der weiteren Bindung an das Trombe-Paar
harmonischen Einschränkungen unterliegen, die sie
als autonomesClarinen-Paar ablegen könnten,macht
die schließlicheAufgabe des vierstimmigenTrompe-
tenchores ab derMitte des 18. Jahrhunderts zu einer
aus kompositionstechnischer Sicht überfälligenNot-
wendigkeit.242Dass sich dieser Schritt amSalzburger
Domeinerseits bis in die 1770er-Jahre verzögert und
andererseits abdemRegierungsantrittColloredosmit
umso größererKonsequenz vollzieht, stellt sich in der
Revision der nun vollständig überblickbarenQuellen
als stärker durch die komplexen zeremoniellenBedeu-
tungszuweisungen andieMusik derTrompeter und
Pauker geprägt dar als bisherwahrgenommen.243
Mit demVerschwinden des vierstimmigenTrompe-
terchoreswird auch die terminologischeUnterschei-
dung vonClarini undTrombe obsolet, sodass diese
Bezeichnungen zunehmend synonymverwendetwer-
den,währenddieStimmennundurchgängig imViolin-
schlüssel notiert sind;mehrere offenbar nachträglich
zu einer Einheit zusammengestellte Einzelsätze oder
Werkteile Luigi Gattis (A 615, A 688) weisen in ei-
242ZumWandel der Schreibweisen fürTrompeten im18. Jahr-
hundert vgl.Aringer: „Clarinpartien“, bes. S. 127–129.
243Dazu ausführlichLaubhold: „Gatti, Colloredo und die Salz-
burgerTrompetenmusik“.
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Musik am Dom zu Salzburg
Repertoire und liturgisch gebundene Praxis zwischen hochbarocker Repräsentation und Mozart-Kult
- Title
- Musik am Dom zu Salzburg
- Subtitle
- Repertoire und liturgisch gebundene Praxis zwischen hochbarocker Repräsentation und Mozart-Kult
- Authors
- Eva Neumayr
- Lars E. Laubhold
- Ernst Hintermaier
- Publisher
- Hollitzer Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-99012-540-0
- Size
- 21.0 x 30.2 cm
- Pages
- 432
- Category
- Kunst und Kultur