Page - 175 - in Musik am Dom zu Salzburg - Repertoire und liturgisch gebundene Praxis zwischen hochbarocker Repräsentation und Mozart-Kult
Image of the Page - 175 -
Text of the Page - 175 -
5.4 Instrumentarium
Trompetenfiguren imvollenBläsersatz sinddrei ‚Solo-
episoden‘ vonvier bis sechsTaktenLängevorgesehen,
die für beideKlappentrompeten denUmfang von je
einerOktave249 kaumüberschreiten.
Hörner
Bis zurMitte des 18. Jahrhunderts wurdenHörner
im Dom nicht verwendet. Eine kleine Gruppe von
fünfMaterialien, die Hornstimmen aufweisen, lässt
sich nicht hinreichend genau datieren, um ihreEnt-
stehung vor 1750 auszuschließen.Die Stimmenwur-
den vonFranz Ignaz Lipp (oder unter dessenBeteili-
gung) geschrieben und könnten daher auch noch spä-
ter im18.Jahrhundert entstandensein.Auf jedenFall
sind sie aber nicht derMetropolitanliturgie zuzurech-
nen. Ein Stimmensatz vonEberlinsMesseHerEb 37
(A 270a)wurde erst nachträglich umHornstimmen
ergänzt.EineMesseFranz IgnazLipps, die spätestens
im frühen 19. Jahrhundert (aberwohl auch nicht frü-
her) Eingang insDommusikrepertoire gefunden hat
(A 1318), verlangtHörner imTitel, die entsprechen-
den Stimmen sind aber verschollen.
Das erste im Repertoire der Dommusik nachzu-
weisende StückmitHörnern könnte LeopoldMozarts
LitaneiLMVII:Es1 (A454) sein. Sie ist inden späten
1750er-Jahren entstanden, wobei sie die konventionel-
leBesetzungmitzweiViolinen,Continuo-Gruppeund
Posaunen aufwies. Erst bei einerRevision durch den
Komponisten, die auf „ca. 1771“ angesetzt wird250,
wurde sie zusätzlich auchmit je zwei Stimmen für
Viola, Oboen undHörner versehen.251Weitere frü-
he in derDommusik verwendeteWerkemitHörnern
sindWolfgangAmadéMozarts 1772 komponierte Li-
taneiKV125 (A1127)252, fünf vermutlich zwischen
249Ambitus (klingend):Klappentrompete I: b–c2;Klappentrom-
pete II: g–b1.
250Eisen, Cliff:Leopold-Mozart-Werkverzeichnis (LMV), un-
ter Mitarbeit von Christian Broy, Augsburg: Wißner-
Verlag 2010, (Beiträge zur Leopold-Mozart-Forschung, 4),
S. 28f.
251DieLitaneienLMVII:G1 (A452) undLMVII:F1 (A453)
wurden erst im 19. Jahrhundert durchMatthiasKracher
(jun.)mitHornstimmenversehen,dieabernichtBestandteil
der originalenBesetzung sind.Vgl. ebd., S. 28–30.Gleiches
gilt für eineMesse FranzNikolausNovotnýs (A 1194).
252Ebenfalls im Jahr 1772 entstand dasRegina coeliKV127
(A 1512), dasMozart „für die Haydin [also nicht für den
Dom!] gemacht hatte“, das aber spätestens 1778 auch im
Domaufgeführtwurde (Bauer/Deutsch:Mozart. Briefe
undAufzeichnungen, Bd. 2, S. 337, Z. 9f.). Das dabei ver-
mutlich verwendeteMaterial vonHofschreiberMaximilian
Raab verblieb im Privatbesitz Leopold Mozarts, gelang- 1772 und 1776 kopierte Kompositionen von Dome-
nico Fischietti253, JohannMichael Haydns Litanei
MH 228 (A-Sd, A 555) von 1776 sowie Adlgassers
Litanei CatAd 3.52 (A-Sd,A 7), für die ebenfalls das
Entstehungsjahr 1776254 angenommenwird.Nur sehr
grob in dieWirkungszeit des Hofschreibers Joseph
RichardEstlinger 1760–1791 lässt sich dieAbschrift
einerMesse LeopoldHofmanns (A-Sd,A 1141), die
inWien komponiertworden ist, datieren.
Auffallend ist, dass imheutigenBestand unter den
ältestenManuskripten, dieHörner verlangen, solche
überwiegen, die nicht derKathedralliturgie zuzurech-
nen sind.255DieAnnahme liegt nahe, dass sich auch
indieserBeziehungdiePraxisamDomgegenüberden
allgemeinen (kirchen)musikalischenEntwicklungen in
Salzburg konservativ verhielt. Bis in die 1790er-Jahre
nahmdieVerwendung vonHörnern aber auch in der
Dommusik sprunghaft zu.DieAnstellungLuigiGat-
tis alsHofkapellmeister imJahr 1782 bietet sich als
die entscheidende institutionsgeschichtliche Zäsur für
diemarkanteMehrung desGebrauchs vonHörnern –
auchdurch andereMusiker der SalzburgerHofkapelle
– an, denn vor diesemDatum ist die bereits erwähnte
Litanei MH 228 das einzigeWerk JohannMichael
Haydns imRepertoire derDommusik, dasHörner ver-
langt.256Ab1782 entstandendagegen, beginnendmit
te nach dessen Tod an das Chorherrenstift Heilig Kreuz
zu Augsburg, wo es bis auf den Umschlagtitel vor 1942
verlorenging, und konnte 1992 vomArchiv derErzdiözese
Salzburg aus privaterHand erworbenwerden. (Hintermai-
er: „MozartsRegina Coeli-Kompositionen KV 127 und
276“) Mozarts Messe KV 275 (A 1153) und die Vesper
KV321 (A 1128)wurdenwohl erst unter LuigiGatti für
dieDommusik angeschafft, in beidenFällen fehlen aber in
den ältestenMaterialschichten die Stimmen fürHörner.
253A-Sd,A 1131,A 1135–1137 undA1164.
254de Catanzaro/Rainer: Adlgasser. Thematic Catalogue,
S. 52–55.
255Unterdenen,derenEntstehungbisungefähr1770nichtauszu-
schließen ist, sinddies inklusiveder erwähntenManuskripte
Franz Ignaz LippsA-Sd,A 611,A 1314,A 1325,A 1355,
A 1370,A 1419,A 1420,A 1482,A 1491,A 1532,A 1537,
A 1546,A 1558,A 1640,A 1645,A 1724,A 1726,A 1784.
256JohannMichaelHaydns Sequenz „Lauda Sion“MH215 ist
zwar in einer frühen Abschrift für die Dommusik (A-Sd,
A499) überliefert, die Stimmen fürOboen,Trompetenund
Hörnerwurden aber erst 1819 von JohannBaptistWeindl
hinzugefügt.EineweitereÜberlieferungdesgleichenWerkes
(A-Sd,A 1556) von derHandFranzWeindls ist vermutlich
der Stadtpfarrmusik zuzurechnen.Die bisher unbekannte,
auf demoriginalenUmschlagtitel JohannMichaelHaydn
zugeschriebeneAria „IhrKräftender Seelen“ (A-Sd,A611)
ist von unbekannter Provenienz und gehört zweifellos nicht
zumursprünglichenRepertoire derDommusik.DasOffer-
torium„Ocoeli luminaria“ (A-Sd,A 1431) entstammtdem
Musikarchiv St. Peter. DasRegina coeliMH 264 (A-Sd,
A1443) liegt ineinerAbschriftdesSchreibers317vor,der in
175
Musik am Dom zu Salzburg
Repertoire und liturgisch gebundene Praxis zwischen hochbarocker Repräsentation und Mozart-Kult
- Title
- Musik am Dom zu Salzburg
- Subtitle
- Repertoire und liturgisch gebundene Praxis zwischen hochbarocker Repräsentation und Mozart-Kult
- Authors
- Eva Neumayr
- Lars E. Laubhold
- Ernst Hintermaier
- Publisher
- Hollitzer Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-99012-540-0
- Size
- 21.0 x 30.2 cm
- Pages
- 432
- Category
- Kunst und Kultur