Page - 176 - in Musik am Dom zu Salzburg - Repertoire und liturgisch gebundene Praxis zwischen hochbarocker Repräsentation und Mozart-Kult
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5 Aspekte derAufführungspraxis
denKompositionen fürdas 1200-jährige Jubiläumdes
Erzstiftes257, in vergleichsweise kurzer Zeit zahlreiche
KompositionenmitHörnern fürdieDommusik sowohl
vonGatti selbst als auchvonHaydn.Auchdiesdürfte
einResultat vonColloredosReformen gewesen sein.
Insgesamtverlangen ca. 320Materialiender Samm-
lungeineBesetzungmitHörnern,ca.1/3davonwurde
(zu etwa gleichenTeilen) von JohannMichael Haydn
und vonLuigiGatti für dieKathedralliturgie beige-
steuert,mehralsdieHälftederMaterialienentstammt
aber anderen – stadt-kirchlichen oder ländlichen –
Aufführungskontexten. Manfred Hermann Schmids
Bemerkung,wonachdie inder Instrumentalmusikum
1750 zu beobachtendeVerdrängung derTrompeten
durch dieHörner „[... ] in Salzburg dieKirchenmusik
über einJahrzehnt späternach[holt]“258, erscheint an-
handder SammlungDommusikarchiv als noch immer
optimistisch angesetzt, weil sie sich aufWerke stützt,
die sich imKontext der Domliturgie als ihrer Zeit
weit voraus erweisen. Zu einem echten Trend wird
die Verwendung vonHörnern amDom erst ab den
1780er-Jahren.
„Cornu Pastorella“: Eine Sonderform eines
Horns ist einmalig in der Aria pastoria „Ach was
liegt in dieser Krippen“ (A 1769) eines anonymen
Komponisten gefordert.DasWeihnachtslied fordert
neben Sopransolo, zweiViolinen undOrgel auch ein
„CornuPastorella“.DasStück ebensowie seine schein-
bar ungewöhnliche Besetzung steht offenbar in der
süddeutsch-österreichischen und böhmischenTraditi-
on derPastorellen oder „sog. ‚Hirtenarien‘, die vom
erstenAdventsonntag bis zumDreikönigsfest alsKir-
chenmusikVerwendung fanden“259.
der Sammlung vielfach nachgewiesen ist, offenbar aber nie
für dieDommusik arbeitete. Der Psalm „MementoDomine
David“MH200 (A1567) ist in der Sammlungnur fragmen-
tarischüberliefert, in einerAbschrift des Schreibers 138, für
den eineVerbindung zumKapellhaus naheliegt (→S. 274).
257VonJohannMichaelHaydndieVesperMH321 (A560) und
dieMesseMH322 (A441), vonGatti ebenfalls eineVesper
GehG 263.17 und 264.20 (A 616) sowie dieMesse GehG
213.25 (originaler Stimmensatz heute I-Fc, F.P.Ch. 184,
originaler Umschlagtitel und Abschrift aus dem frühen
19. Jahrhundert A-Sd, A 677). Für eine Rekonstruktion
des einwöchigen Jubiläumsfestes sieheEder: „LuigiGattis
Rupertusmesse“, bes. S. 419–428.
258Schmid:Mozart und die Salzburger Tradition, S. 259.
259Ruhland,Konrad: „ZurGeschichte derPastorella in Salz-
burg“, in: Thomas Hochradner/Silvia Steiner-Span
(Hrsg.): ‚Stille Nacht! Heilige Nacht!‘ zwischenNostalgie
und Realität. JosephMohr – Franz Xaver Gruber – Ihre
Zeit, Salzburg:Verein derFreundeder SalzburgerGeschich- DerEinsatz von „Hirtenhörnern“260 als charakte-
ristische Instrumentalfarbe scheint ein häufig (wenn
auch nicht zwingend) genutztesGattungsmerkmal zu
sein. Die tatsächliche Beschaffenheit der verwende-
ten Instrumente ist imEinzelfall kaum zu eruieren
und dürfte relativ variabel gewesen sein. Der von
KonradRuhland beobachteteGebrauch von lediglich
fünfTönen imPrinzipal-Register261, aus denen sich
„die bekannte, typischeMotivik der Pastorellen [...],
die aus vielen gebundenenDreiklängen bestand, [ge-
speist]“262 habe, deutet auf einfache, volkstümliche
Bauformen. abhängig sind. In diesemTaktwird ein
diatonischer Gang zum Spitzenton c3 verlangt, der
unterVerwendung vonNaturtönennur zu bewältigen
ist, wenn ein Instrument in derTonlage einesOrche-
sterhorns inG zumEinsatz kommt. In diesemFall
würde derBereich vom6. bis 16.Naturton genutzt,
wobei aber der Rahmen von Dreiklangsfiguren auf
(geschrieben) C praktisch nicht verlassenwird. Der
untereNaturtonbereich sowie dieDas Erscheinungs-
bild der vorliegenden Stimme für „Cornu Pastorel-
la“ (→Abb. 5.7) ist aberwidersprüchlich und lässt
zweiRekonstruktionsmöglichkeiten fürdas zuverwen-
dende Instrument zu, die von der Interpretation des
Taktes 21 (zweiterTakt der zweitenZeile)Naturtö-
ne 7, 9, 11 und 14 blieben ungenutzt, was einerseits
Vorteile für die bei primzahligen Naturtönen stets
heikle Intonation böte, andererseits aber eine gewisse
Treffsicherheit erforderte,wie sie nur im regelmäßigen
kunstvollenGebrauch des Instrumentes zu erwerben
ist. Da für eine Ausführung in diesem Sinne eine
schwingendeRohrlänge von über dreiMeternLänge
notwendig ist263, kommt als „Hirtenhorn“ nur ein
te 2002, (Salzburger Studien. Forschungen zuGeschichte,
Kunst undKultur, 4), S. 115–127, hier: S. 116. Vgl. auch
MGG2, Sachteil, Bd. 7, Sp. 791 sowie Bd. 9, Sp. 995, wo
Pastorellen allerdings als ein tschechisches Spezifikumdar-
gestellt werden.
260Ebd., S. 118f., nennt die Stimmenbezeichnungen „tuba pas-
torita“, „tuba pastoralis“, „tuba pastorum“, „cornu pasto-
ritio“, „tromba pastoritia“, „Hütterhorn“, „Drilutn – dri
Lutn – drei Laute“ sowie „Büchel –Büffel“.
261Naturtöne 3–8 (ohne 7.): g – c1 – e1 – g1 – c2.
262Ruhland: „Pastorella“, S. 119.
263Inmoderner Stimmungwäre ein Instrument in g ca. 3,30m
lang; nimmtmaneinenKirchentonan, der etwa einenHalb-
ton über demheutigenKammerton liegt, wäre von einer
Länge um3,10m auszugehen. Derartig lange Instrumen-
tewären in geraderBauform zuunhandlich, umals echte
„Hirtenhörner“Verwendung zu finden, und dürften erst im
Zuge der auch touristisch inspiriertenAlphorn-Renaissance
in der Schweiz entstanden sein. Frühe Darstellungen bis
in die ersteHälfte des 19. Jahrhunderts zeigen durchwegs
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Musik am Dom zu Salzburg
Repertoire und liturgisch gebundene Praxis zwischen hochbarocker Repräsentation und Mozart-Kult
- Title
- Musik am Dom zu Salzburg
- Subtitle
- Repertoire und liturgisch gebundene Praxis zwischen hochbarocker Repräsentation und Mozart-Kult
- Authors
- Eva Neumayr
- Lars E. Laubhold
- Ernst Hintermaier
- Publisher
- Hollitzer Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-99012-540-0
- Size
- 21.0 x 30.2 cm
- Pages
- 432
- Category
- Kunst und Kultur