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7.2 DieBibliotecamusicale ‚G.Greggiati‘ inOstiglia
verstorbenenBrudersGiuseppe, der alsDeutschlehrer
ebenfalls inMantua lebte. Das Interesse der Erben
ammusikalischenNachlass hielt sich anscheinend in
Grenzen, denn dieser blieb nochmindestens bis Ende
der 20er-Jahre des 19. Jahrhunderts unter der Ob-
hut JoachimFuetschs in Salzburg50, bevor er an den
SammlerGiuseppeGreggiati verkauftwerden konnte.
Heute befindet er sich in derBiblioteca ‚G.Greggiati‘
inOstiglia.51
GiuseppeGreggiati (1793–1866)wurde 1793 inOs-
tiglia geboren und kamaus einermusikbegeisterten
Familie. Sowohl von einemOnkel als auch von einem
Bruder haben sich kirchenmusikalischeKompositio-
nen erhalten.Greggiati besuchte zunächst dasPries-
terseminar inFerrara.Neben seinemPriesteramtwar
er in der Folge Organist und Lehrer. Darüber hin-
aus beschäftigte er sich intensivmit derMusik und
hinterließ, als er 1866 inMantua starb, sowohl seine
umfangreiche Sammlung –die nicht nur denNachlass
LuigiGattis, sondern ca. 10 000Handschriften und
Drucke vom14. bis ins 19. Jahrhundert sowie theo-
retische Schriften und Libretti umfasste – als auch
sein nicht unbeträchtlichesVermögen seinerGeburts-
stadtOstigliamit denAuflagen, einerseitsKindern
dieMöglichkeit einerMusikausbildung zu geben und
andererseits dieMusiksammlung zu bewahren.
Nebenden zahlreichenautographenPartiturenLui-
gi Gattis aus seinemPrivatbesitz finden sich heute
in der Biblioteca ‚G. Greggiati‘ auch Quellen, die
bei der Inventur nachGattis Tod 1817 zu seiner pri-
vaten Musiksammlung gezählt wurden, aber keine
eigenhändigenAbschriften sind. In diesen treten die
SchriftzügeMaximilianRaabs, JosephRichardEstlin-
gers undFelixHofstätters, BenediktHackers und der
Salzburger Schreiber 132 und 140, allesamt Schrei-
ber, die ausgiebigst für dasDommusikarchiv kopiert
haben, auf. EineBesprechung dieserAbschriften an
der Schnittstelle zwischen Gattis privater Musika-
liensammlung und der SammlungDommusikarchiv
scheint daher angebracht.
50Hinweis darauf sinddie zahlreichenAbschriftenFuetschsvon
WerkenGattis, die er für dieDommusik in den 20er-Jahren
tätigte unddie ohneZugang zudenPartiturenGattis nicht
möglich gewesen wären, z.B. jene derMissa S. Ruperti,
→S. 189.
51Wir dankenAlessandroLattanzi (Pesaro) für denHinweis
aufdiesenNachlass,die InformationendazuunddieHerstel-
lung desKontakts undElisa Superbi (Bibliotecamusicale
‚G.Greggiati‘) für die Erlaubnis, dort zu recherchieren. JenerSalzburgerSchreiber,dessenSchriftmit zwölf
Quellenamhäufigsten inderBiblioteca ‚G.Greggiati‘
erscheint, ist der Salzburger Schreiber 140 (vgl. auch
S. 274), vondemwir anhand seiner in Salzburg erhal-
tenenAbschriften bereits angenommenhatten, er ha-
be engmitGatti zusammengearbeitet. Das bestätigt
sich auch in der Sammlung ‚G.Greggiati‘.Während
seineSchreiberzüge imDommusikarchiv auch inKom-
positionen vonFranzXaverBrixi, AntonioCaldara,
Johann Joseph Fux und anderen vorkommen, han-
delt es sich bei den von Schreiber 140 in Ostiglia
überliefertenWerkenmitAusnahme einesKyrie aus
demRequiemNiccolò Jommellis um solche vonGatti
oder anonymüberlieferte.Da keine dieserAbschrif-
ten für den SalzburgerDomkopiertwurde und auch
Art (zahlreicheMess-Einzelsätze) undBesetzung der
Werke auf eine Verwendung in einem italienischen
Kontext verweisen, deutet vieles darauf hin, dass sie
ausGattis früher Zeit alsKirchenmusiker inMantua
stammen.DemnachhätteSchreiber 140nichtnur eng
mitGatti zusammengearbeitet52, sondern bereits in
Mantua für ihnKopierarbeiten erledigt und ihn dann
nach Salzburg begleitet. DieseThesewird durch das
Datum„Die 22 ocbrij 1778“ unterstützt, das sich am
Ende derPartitur einesDeProfundis a 4o concerto
breve con stromti53 von der HandGattis findet, zu
dem es auch Stimmen von Schreiber 140 gibt: Zu
diesemZeitpunkt, der vermutlich denAbschluss der
Kompositionbezeichnet, sollte es noch fast vier Jahre
dauern, bisGatti seinenDienst in Salzburg antreten
konnte.
DieHand desKopisten 132 kommt, zusammenmit
dervonJosephRichardEstlingerund jenerdesSchrei-
bers 140, im Stimmensatz eines Requiems vor, das
Alessandro Lattanzi alsWerkAntonCajetanAdlgas-
sers identifizieren konnte.54Auch in Salzburg ist ein
Stimmensatz diesesWerks von derHandEstlingers
vollständig erhalten.55 ZuwelchemZweck fürGatti
einweiterer Stimmensatz hergestellt wurde, ist nicht
mehr nachzuvollziehen. Estlinger schrieb auch eine
Einzelstimme für das aus siebenMenuettenund einer
52Etwa gibt es an allenÜberlieferungsorten Stimmen, die von
einemder beiden begonnen und vomanderen fortgesetzt
wurden.
53I-OS,Mss.Mus. B 459.
54I-OS,MssMus-B 2149, org, cb, vc, va, cor 1, cor 2, ob 1, ob
2 von Schr. 132.
55A-Sd,A 4.
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Musik am Dom zu Salzburg
Repertoire und liturgisch gebundene Praxis zwischen hochbarocker Repräsentation und Mozart-Kult
- Title
- Musik am Dom zu Salzburg
- Subtitle
- Repertoire und liturgisch gebundene Praxis zwischen hochbarocker Repräsentation und Mozart-Kult
- Authors
- Eva Neumayr
- Lars E. Laubhold
- Ernst Hintermaier
- Publisher
- Hollitzer Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-99012-540-0
- Size
- 21.0 x 30.2 cm
- Pages
- 432
- Category
- Kunst und Kultur