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Ronald Clark
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Historische Einordnung
Der Große Garten von Hannover-Herrenhausen ist eine der herausragenden barocken
Gartenanlagen in Deutschland mit internationaler Bedeutung als Kulturdenkmal. Die
Anlage geht auf ein 1638 von Herzog Georg von Calenberg angelegtes Vorwerk zu-
rück, das in den Regierungszeiten der Herzöge Christian Ludwig (1641–1648) und Ge-
org-Wilhelm (1648–1665) sowie Herzog Johann Friedrich (1665–1679) ausgebaut wurde
und nach 1666 als Sommerresidenz diente.
1692 erreichte diese in Hannover regierende Linie der Welfen die Rangerhöhung
ihres Territoriums zum Kurfürstentum und stieg damit in den Kreis der führenden Staa-
ten des Deutschen Reiches auf. Schon im Vorfeld hatten Herzog Ernst August (1629–
1698, reg. 1680–1698) und seine Gemahlin Sophie (1630–1714) ihr Residenzschloss an
der Leine und ihre Sommerresidenz in Herrenhausen ausbauen lassen, um ihren abso-
luten Status und Anspruch zu demonstrieren. Das Leineschloss erhielt einen Festsaal
(»Rittersaal«).
Schon vor der Regentschaft von Herzog Ernst-August wurde ab 1678 im Residenz-
schloss mit dem Bau eines Hoftheaters, dem sogenannten »Comoedienhaus«, begon-
nen, in dem Theater- und Opernaufführungen gegeben wurden. Die Proszeniumslogen
im ersten Rang waren der herzoglichen Familie vorbehalten. »Eß haben des Herrn
Hertzogs Dchtl. Ihre Loge in der … wanderung zur rechten, und die Oberhofmarschal-
lin Madame de Platte die Ihrige daran, gerad gegen über zur lincken stehen der Frau
Hertzogin Drchlt. (Loge)«.5 Also saß Ernst August neben seiner Mätresse, seine Gattin
gegenüber. Herzog Ernst August liebte die Oper und den venezianischen Karneval. Im-
mer wieder blieb er mehrere Monate in Venedig, wohnte im prachtvollen Palazzo Fo-
scari und gab hohe Summen aus. In fünf Theatern hatte der hannoversche Hof mehrere
Logen Jahre hindurch auf Dauermiete zur Verfügung.
Auf Drängen der Landesstände aufgrund der immensen Kosten für die Reisen fuhr
Ernst-August 1686 letztmalig in die Lagunenstadt. Von nun an fand der Venezianische
Karneval an der Leine statt. Zwischen 1687 und 1690 ließ er dann als Anbau an das
Residenzschloss eines der prächtigsten Opernhäuser in Europa errichten und schon
1689 nach nur vierzehn Monaten Bauzeit mit Agostino Steffanis Oper Enrico Leone ein-
weihen. Bei einer Einwohnerzahl Hannovers von etwa 13.000 Einwohnern hatte das
Opernhaus eine Kapazität von 1.300 Plätzen.
Kaum waren die Projekte im Leineschloss beendet, konzentrierten sich die Arbei-
ten in den folgenden 20 Jahren auf Herrenhausen. 1689 bis 1691 entstand das Thea-
terboskett, in den folgenden Jahren Galerie, Großes Parterre, Bosketts, Graft und der
Noveau Jardin. Bei seiner Vollendung 1708 war die Anlage auf die doppelte Größe von
5 Schmidt 2011, S. 121.
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Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
Hof – Oper – Architektur
- Title
- Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
- Subtitle
- Hof – Oper – Architektur
- Authors
- Margret Scharrer
- Heiko Laß
- Editor
- Matthias Müller
- Publisher
- Heidelberg University Publishing
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-3-947732-36-4
- Size
- 19.3 x 26.0 cm
- Pages
- 618
- Keywords
- Kunstgeschichte, Architektur, Oper, art history, architecture, opera
- Category
- Kunst und Kultur