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Der Stellenwert des Parmenser Teatro Farnese in der Geschichte des höfischen Musiktheaters
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Das Hoftheater der Farnese: Architektur, Wissenschaft
der Mechanik und Technik auf engstem Raum
Der vorliegende Beitrag legt seinen Akzent auf die Rolle innovativer theatralischer
Formen und Techniken im Rahmen der Ausbildung einer Hoftheatertradition unter
den beiden Herzögen Ranuccio I. (1592–1622) und Odoardo (1622–1646). Die Einrich-
tung wird nicht zufällig als »il prototipo del moderno teatro europeo« angesehen.1
Die Bühnenbildkunst und Szenographie entwickelte sich seitdem in Parma, das bis-
her als ehemalige Randprovinz des Mailänder Herzogtums ein Schattendasein ge-
führt hatte, zu einer anerkannten Schule mit großer überregionaler Ausstrahlung.
Über einen langen Zeitraum absolvierten dort herausragende quadraturisti ihre Aus-
bildung. Zu ihnen gehören Angelo Michele Colonna (1604–1687), Agostino Mitelli
(1609–1660) und vor allem Andrea Seghizzi oder Sighizzi (1630–1684); letzterer be-
gann von Parma ausgehend eine große Karriere und arbeitete mit dem Maler Valerio
Castello (1624–1659) zusammen. Castello wurde wegen seiner sehr bühnenbildhaften
Fresken gepriesen; beispielhaft waren etwa jene aus Genua, die er in den späten 1640er
Jahren für den Salone des berühmten Palazzo Balbi Senarega kreierte.2 Gemäß Corrado
Ricci (1858–1934) gestaltete Sighizzi das Bologneser Teatro Formagliari oder Guasta-
villani und galt als Nachfolger (»scolaro«) von Meneghino del Brizio (alias Domenico
Ambrogi, um 1600–1678) und von Dentone (eigtl. Girolamo Curti, 1575–1632). Beide
waren unter den Ersten, die Theaterbauten in moderner Form errichteten, wie sie für
beinahe alle Folgebauten verbindlich wurden (»fu dei primi ad ideare il teatro nella
forma con la quale si sono costruiti su per giù quasi tutti i teatri moderni«). Sighizzi
wird sogar als »Vorreiter der Bibbiena«3 verstanden. Eine seiner originellsten techni-
schen Erneuerungen bestand nach Ricci darin, dass die Logen mit zunehmender Nähe
zur Bühne um einige Daumenbreiten, 5 once, also ca. 15 Zentimeter, höher sind und
deshalb mehr in den Zuschauerraum hineinragen.4 Solche Erneuerungen wurden alle
durch Sighizzi in Parma ausprobiert. Eine weitere Verbreitung fanden sie jedoch erst
später mit der Bibiena- Dynastie, die auf solche technischen Vorrichtungen systema-
tisch zurückgreifen sollte.
Der Zeitgenosse Carlo Cesare Malvasia (1616–1693) rühmte Sighizzi als »grande in
tutte le cose« (Felsina pittrice, 1678).5 Noch 1759 wurde er in ähnlich überschwänglicher
1 Lenzi 1980, S.
95.
2 Gavazza 1989, S. 107. Gavazza 1982. Sighizzi war auch der Entwerfer des berühmten genuesischen
Teatro del Falcone, das 1652 eröffnet wurde.
3 Ricci 1888, S. 78: »predecessore dei Bibbiena«.
4 »I palchetti, secondo che dalle scene camminano verso il mezzo del Teatro vadano sempre salendo di
qualche once l’ uno sopra l’ altro, e similmente vadano di qualche once sempre più sporgendo all’ in-
fuori«. Ricci 1888, S. 78.
5 Malvasia 1841, S. 118.
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Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
Hof – Oper – Architektur
- Title
- Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
- Subtitle
- Hof – Oper – Architektur
- Authors
- Margret Scharrer
- Heiko Laß
- Editor
- Matthias Müller
- Publisher
- Heidelberg University Publishing
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-3-947732-36-4
- Size
- 19.3 x 26.0 cm
- Pages
- 618
- Keywords
- Kunstgeschichte, Architektur, Oper, art history, architecture, opera
- Category
- Kunst und Kultur