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Paolo Sanvito
222 Aleotti hatte sogar in Gualtieri, dem Residenzlehen, das Cornelio hatte ausbauen
und befestigen lassen, ausgerechnet für ihn einen Palazzo Bentivoglio erbaut.46 In Gu-
altieri diente Aleotti gute neunzehn Jahre. Cornelios Sohn Enzo war auch nach der
»Devolution von Ferrara«, der Abgabe ihres Staates an den Kirchenstaat, in dieser
Stadt geblieben, wo er ab 1601 keine geringere Würde als die des Principe der Accade-
mia degli Intrepidi bekeidete, womit auch die Errichtung des gleichnamigen Theaters
zusammenhing.
Zu dieser Zeit war Aleotti ebenfalls mit dem Umbau der Festung Rocca di Scandiano
bei Reggio Emilia beschäftigt. Sie war aber bereits von Ottavio und Giulio Thiene ab
1574 und noch bis in die 1610er Jahre in Auftrag gegeben worden. Die beiden Vicenti-
ner waren Untertanen des Herzogtums Ferrara. Durch den Tod des Ottavio II. Thiene
(1582–1622) fand dieser Auftrag um 1623 ein abruptes Ende.
Im weiteren Verlauf sind nicht nur Aleotti mit seinen kühnen, damals unübertrof-
fenen Entwurfsideen, sondern auch sein Schüler und Mitarbeiter Francesco Guitti auf
lokaler sowie europäischer Ebene die Bahnbrecher einer neuen »Kultur der Bühnen-
technik« gewesen. Diese Kultur sollte bald durch die häufigen Kontakte Guittis bzw.
Aufträge von römischen Höfen über den nord- und mittelitalienischen Raum hinaus
den Rest Europas nachhaltig beeinflussen.47 Damit wird die schöpferische Kraft des
Parmenser Ambientes zugleich zu einem Prolog des reiferen Barocks (gewöhnlich von
der lokalen Forschung erst nach 1630 angesetzt). Letzterer hätte anderweitig unver-
ständlich bleiben müssen. Diese Erkenntnis hat sogar für die Laufbahn des großen Gian
Lorenzo Bernini (1598–1680) und der Fontana-Dynastie ihre Gültigkeit.
Durch die Kontinuität des Schaffens im architektonischen Bühnenbau der erwähn-
ten Familie der Bibiena, die z. T. aus praktischen Gründen um die Wende zum 18.
Jahr-
hundert sogar konkret die Bauten der ferraresischen Schule in Sachen Erhaltung und
Renovierung erbte, ist die Ausstrahlung der emilianischen Beispiele zunächst nach
Norditalien (z.
B. durch den Filarmonico-Bau in Verona, 1732 vollendet, von Francesco
Galli Bibiena), unmittelbar danach weiter jenseits der Alpen eine unübersehbare Tat-
sache. Die Begeisterung eines Tessins aus Schweden für diese Tradition mag isoliert
erscheinen, fällt jedoch mit einer breiteren nordeuropäischen zusammen (etwa Chris-
topher Wren [1632–1723] in England, der auch als Theaterbaumeister wirkte).
Zur abschließenden Kontextualisierung des Parmensischen Beispiels kann die lange
Blüte der regionalen Tradition in den darstellenden Künsten einbezogen werden. Ihre
Instrumentalisierung wurde bereits seit dem 15. Jh. durch die Este-Familie in Ferrara
bei eifriger Teilnahme des ferraresischen Adels am dortigen Theaterleben vielfach er-
probt. Dies kann auch erklären, warum es Aleotti nicht zufällig wegen seines persön-
46 Cuppini 1968, S.
18, erwähnt schon im Jahre 1580 eine »Beschreibung« (Plan) von Gualtieri, dem Lehen
und Marquisat einer Zweiglinie der Este, durch den ferraresischen Hofkartographen Marcantonio Pasi,
der zugleich berühmter Bühnentechniker in Norditalien war. Scherf 1998, S. 127.
47 Briefe aus Rom des Guitti an Enzo Bentivoglio. Abschrift bei: Cavicchi 2003, Appendice.
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Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
Hof – Oper – Architektur
- Title
- Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
- Subtitle
- Hof – Oper – Architektur
- Authors
- Margret Scharrer
- Heiko Laß
- Editor
- Matthias Müller
- Publisher
- Heidelberg University Publishing
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-3-947732-36-4
- Size
- 19.3 x 26.0 cm
- Pages
- 618
- Keywords
- Kunstgeschichte, Architektur, Oper, art history, architecture, opera
- Category
- Kunst und Kultur