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Barockes Kulissen- und Maschinentheater
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Peruzzi (1481–1536), der in Rom mit der Perspektivbühne experimentierte,8 und Se-
bastiano Serlio (1475–1554), der die neue Technik der Perspektive in seinen architek-
turtheoretischen Traktaten festhielt.9 Im Secondo libro di prospettiva lieferte er genaue
Erklärungen, wie man Häuser als Bühnendekoration anfertigen könne – mit bemalter
Leinwand, die auf Holzrahmen aufgezogen werden sollte, und zusätzlichen Holzteilen
für die Gesimse, Balkone und Schornsteine. Serlio erörterte auch schon das Haupt-
problem der tiefenräumlichen Perspektivbühne
– die Ausrichtung aller Teile auf einen
einzigen Fluchtpunkt.10
Es waren vor allem die dem Traktat beigefügten Holzschnittillustrationen der drei
schon von Vitruv beschriebenen Szenentypen der scena comica11 für Komödien, der
scena tragica12 für Tragödien und der scena satirica13 für Pastoralen, die der neuen ita-
lienischen Perspektivdekoration zu weiterer Verbreitung verhelfen sollten (Abb.
1 a–c).
Serlio übertrug die von Vitruv aufgezählten Elemente der gemalten Bühnenprospekte
auf die damals ›moderne‹ tiefenräumliche Bühne: Die Tempel und Paläste der scena tra-
gica, die Bürgerhäuser der scena comica, und die Landschaft der scena satirica wurden
nun auf Leinwand oder Holz zu realen, seitlich aufgestellten Kulissen gefertigt bzw. auf
einen entsprechenden Hintergrundprospekt gemalt.14
Serlio beschrieb auch die sogenannte Winkelrahmentechnik der Perspektivbühne.
Dabei handelte es sich um zwei im stumpfen Winkel miteinander verbundene Holzrah-
men, die mit Leinwand bespannt und perspektivisch bemalt waren. In der Regel stan-
den je drei Winkelrahmen hintereinander auf beiden Seiten der schräg ansteigenden
Bühne. Die Rückseite schloss ein bemalter Prospekt ab.
Eine Verbesserung gegenüber der Winkelrahmentechnik brachte die Einführung
der Telari, die ihrerseits eine Weiterentwicklung der antiken Periakten waren – drei-
seitig bemalte, prismenförmige Säulen, die als drehbare Dekorationsteile die Bühne
des antiken Theaters rechts und links begrenzt hatten. Die Telari ermöglichten, ge-
meinsam mit dem austauschbaren Hintergrundprospekt, erstmals auch einen echten
Schauplatzwechsel, denn die drei Seiten der Prismen (von denen jeweils drei oder fünf
links und rechts aufgestellt waren) zeigten jeweils ein anderes Bild, und während einer
Szene konnten die der Bühne abgekehrten Flächen mit einer neuen Dekoration ver-
sehen werden.
8 Vgl. Pochat 1990, S. 283–301.
9 Serlio 1584; Serlio 1600; Pochat 1990, S. 270–271; Frommel 1998.
10 Serlio 1584: Il secondo libro di prospettiva, fol.
48r–48v: Trattato sopra le Scene.
11 Ebd., fol. 49v–50r: Della Scena Comica.
12 Ebd., fol. 50r–v: Della Scena Tragica.
13 Ebd., fol. 51r–v: Della Scena Satirica.
14 Vgl. u. a. Hewitt 1958, S.
18–36; Greisenegger 1972; Fabbri / Garbero Zorzi / Petrioli Tofani 1975,
S.
33–40; Greisenegger 1981, S.
11–14; Pochat 1990, S.
306–320; Greisenegger 2016, S.
60 (Abb.
2
a–c).
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Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
Hof – Oper – Architektur
- Title
- Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
- Subtitle
- Hof – Oper – Architektur
- Authors
- Margret Scharrer
- Heiko Laß
- Editor
- Matthias Müller
- Publisher
- Heidelberg University Publishing
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-3-947732-36-4
- Size
- 19.3 x 26.0 cm
- Pages
- 618
- Keywords
- Kunstgeschichte, Architektur, Oper, art history, architecture, opera
- Category
- Kunst und Kultur