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Akustik in Hoftheatern des 17. und 18. Jahrhunderts
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Raumvolumen her vergleichbar mit den großen Opernhäusern, wie sie erst im Laufe
des 19. Jahrhundert häufiger wurden (beispielsweise London, Covent Garden [1858,
12.240
m3] oder Paris, Opéra Garnier
[1875, 9.960
m3]). Die oft noch größeren, häufig im
Freien errichteten Festtheater können in dieser Darstellung nicht berücksichtigt wer-
den.4
Bezüglich der Hof- und Schlosstheater wird die Beobachtung Hans Langes zur Ent-
wicklung des höfischen Theaterbaus in Deutschland auch für die anderen geografischen
Gebiete bestätigt: »Der feudalabsolutistische Schlosstheaterbau, der im 18.
Jahrhundert
an den deutschen Höfen seine größte Blütezeit erreicht hatte, mündet unter dem Ein-
fluss der Aufklärung und der französischen Revolution konsequent in die Epoche der
öffentlichen Hof- und Nationaltheater ein, die den nunmehr konstitutionellen Höfen
ebenso entsprechen wie vorher die Schlosstheater den absolutistischen. Der Wandel
von der höfisch-repräsentativen zur raisonnierenden bürgerlichen Öffentlichkeit zei-
tigt als Nebenergebnis die Entstehung eines neuen veränderten Schlosstheatertypus.
Indem die großen Logenrangtheater aus dem Bereich des Schlosses heraustreten, die
Höfe aber nicht auf ein Privattheater, über das sie unmittelbar und allein verfügen,
verzichten wollen, ergibt sich die Notwendigkeit, ein intimes Saaltheater im Schloss zu
belassen bzw. für die veränderten Bedürfnisse umzubauen.« 5
2 Theoretische Kenntnisse der Schallausbreitung und
die Formen des Zuschauerraums
Seit Beginn des neuzeitlichen Theaterbaus im 16. Jahrhundert wurde das vom römi-
schen Architekten Marcus Vitruvius Pollio (1.
Jh.) um etwa 30 n.
Chr. überlieferte antike
Wissen zur Schallausbreitung intensiv diskutiert.6 In der Antike verglich man die Aus-
breitung von Schallwellen mit den Oberflächenwellen des Wassers und beobachtete,
dass Schall an festen Hindernissen wie an einem Spiegel reflektiert wird. Auf solchen
Reflexionen und der relativ langsamen Ausbreitungsgeschwindigkeit des Schalls be-
ruht das Phänomen des Echos und des Nachhalls. Nach Leonardo da Vincis (1452–1519)
Zeichnungen von »Schallstrahlen«, die von Hammerschlägen ausgehen und an einem
Hindernis reflektiert werden, und seinen vom antiken Theater inspirierten Skizzen von
Räumen mit ansteigenden Sitzreihen aus dem späten 15. und frühen 16. Jahrhundert7
4 Zu den Festtheatern gehört das im 1. Stock des Palazzo Pilota errichtete Teatro Farnese in Parma (1619),
dessen Zuschauerraum 44
×
29
×
22.65
m misst und ein Volumen von rund 29.000
m3 umfasst; siehe Bau-
mann 2011, S. 29–30, fig. 8b.
5 Lange 1985, S. 15, Anm. 16 und 20, S. 16–19: Hoftheater außerhalb Deutschlands.
6 Vitruvius 1987, Einleitung, S. 10.
7 Winternitz 1982, S. 97–98 (zu reflektierten Schallstrahlen in Ms. Milano, Bibl. Ambros. Codex Atlan-
tico C.A. f. 126 ra, entstanden 1478–1519); Leonardo da Vinci 1939, Bd. 2, S. 42–52 (Skizzen mit den
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Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
Hof – Oper – Architektur
- Title
- Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
- Subtitle
- Hof – Oper – Architektur
- Authors
- Margret Scharrer
- Heiko Laß
- Editor
- Matthias Müller
- Publisher
- Heidelberg University Publishing
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-3-947732-36-4
- Size
- 19.3 x 26.0 cm
- Pages
- 618
- Keywords
- Kunstgeschichte, Architektur, Oper, art history, architecture, opera
- Category
- Kunst und Kultur