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Dorothea Baumann
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befassen sich erst im 17.
Jahrhundert mehrere Publikationen mit der Schallausbreitung
und den geometrischen Regeln der Reflexionen, zunächst in mathematischen Trakta-
ten zur Optik und Astronomie, dann in Schriften, welche sich mit Akustik auseinan-
dersetzen. Zu den bekanntesten Autoren gehört der Jesuitenpater Athanasius Kircher
(1602–1680), der seit 1623 spektakuläre akustische Erfindungen vorführte und mit zum
Teil haltbaren, aber auch mit unhaltbaren Theorien erklärte.8 1636 analysierte auch der
Minoritenpater Marin Mersenne (1588–1648) in seiner Harmonie universelle die Schall-
ausbreitung.9 Beide Patres diskutierten und korrespondierten mit einem großen Kreis
von gelehrten Kollegen.
Diese schriftlichen Dokumente zeigen ein besonderes Interesse für die Schallrefle-
xionen an einer elliptisch gekrümmten Decke, die von einer Schallquelle in einem der
beiden Brennpunkte ausgehend sich im anderen Brennpunkt konzentrieren, wodurch
sich eine sehr wirksame Flüstergalerie bauen lässt.10 Vom Jesuiten und Mathematiker
Mario Bettini (1582–1657) ist eine 1642 publizierte Zeichnung erhalten, welche seitli-
che Schallreflexionen an einer elliptisch gekrümmten Wand darstellt. Auch hier wird
erläutert, dass der Schall sich im zweiten Brennpunkt der Ellipse konzentriert. Bettini
empfiehlt, diesen Effekt für die beste Position der Fürstenloge zu verwenden.11
Spätestens seit dem Bau des Refektoriums für den Orden der Oratorianer im Bau-
komplex der Chiesa nuova in Rom 1639–1640 durch Francesco Borromini (1599–1677)
ist die Beobachtung dokumentiert, dass entlang einer elliptisch gekrümmten Wand eine
Zone von Schallreflexionen entsteht, von welcher davor sitzende Zuhörer profitieren:
»Si trattò […] della forma dello stesso refettorio proponendo il padre col consiglio di
molti di farlo ovato per dar maggiore comodità al dubbio d’esser sentito da tutti.«12
Diese Erkenntnis hatte Einfluss auf die Theaterbautheorie und Architektur, denn sie
begründete schließlich die Regel, dass die Kurve des Grundrisses die Qualität der Thea-
terakustik bestimme.13
Tatsächlich ist die architektonische Form des Zuschauerraums ein wichtiges Krite-
rium zur Gewinnung allgemeiner Aussagen über dessen Akustik, da sie die Schallver-
Bezeichnungen »teatri per uldire [sic!] messa«, »loco dove si predica« und »Teatro da predicare« aus
Ms. B, f. 52 recto); Forsyth 1985, S.
14, Abb.
1.9 (Zeichnungen aus Paris, Institut de France, Ms. B
[2173],
f. 55a, entstanden 1486–88).
8 Kircher 1684, insbes. S. 72.
9 Mersenne 1636, Bd. 1, S. 35–40, Proposition XXVII: Comme les Architectes doivent bastir les voûtes
pour leur donner
[…] la forme de l’Ellipse afin d’aider les sons
[…], sowie: Propositions XXVIII mit wei-
teren geometrischen Untersuchungen.
10 Kircher 1650, Buch IX, S. 301; Forsyth 1985, S. 80–81, Abb. 3.7; Baumann 2011, S.
32–33.
11 Bettini 1642, X: in quo musica, proposition; VIII: Teatra eliptica scenicis Eloqujis aptissima. Siehe:
https://www.digitale-sammlungen.de/index.html?c=viewer&bandnummer=bsb11199744&pimage=239
&v=2p&nav=&l=de [letzter Zugriff am 14.10.2016]; Tamburini 1984, S. 18, Anm. 22.
12 Connors /
Della Rocchetta 1983, S. 48.
13 Forsyth 1985, S. 80.
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Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
Hof – Oper – Architektur
- Title
- Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
- Subtitle
- Hof – Oper – Architektur
- Authors
- Margret Scharrer
- Heiko Laß
- Editor
- Matthias Müller
- Publisher
- Heidelberg University Publishing
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-3-947732-36-4
- Size
- 19.3 x 26.0 cm
- Pages
- 618
- Keywords
- Kunstgeschichte, Architektur, Oper, art history, architecture, opera
- Category
- Kunst und Kultur