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Akustik in Hoftheatern des 17. und 18. Jahrhunderts
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3.4 Hufeisen und gekapptes Oval
Die beliebteste Form für die bereits im 18. Jahrhundert vereinzelt sehr großen Theater
war das gekappte Oval oder der hufeisenförmige Grundriss mit zur Bühne hin sich
annähernden, gestreckten Seitenwänden. Die beiden Formen werden in den Beschrei-
bungen nicht immer klar unterschieden. Das Oval wird in verschiedenen theoretischen
Schriften besonders gelobt, nun in der Annahme, dass die darin ungehinderte Ausbrei-
tung der Stimme eine gute Akustik garantiere.23 In der praktischen Umsetzung führt je-
doch die Verbindung zwischen Saal und Guckkastenbühne zu Problemen, da ein großes
gekapptes Oval leicht zu einer unpraktisch breiten Bühnenöffnung führt.24
Der Grundriss des Theaters im Schloss Schönbrunn in Wien entspricht genau einem
gekappten Oval. Diese elegante Form ist für ein kleines Schlosstheater ungewöhnlich,
aber dank der geringen Dimensionen bot der Bühnenanschluss kein Problem: das Thea-
ter ist von der Brüstung der Kaiserloge bis zur Bühne nur 13
m lang und das Oval ist so
gekappt, dass sich ohne Proszenium eine Bühnenöffnung von damals üblicher Breite
von 10,60
m ergibt (das ist 1,10
m breiter als im Alten Burgtheater).25 An der breitesten
Stelle zwischen den Brüstungen misst das Theater 13 m, zwischen den Saalwänden
15,60 m. Es ist 13 m hoch und hat 408 Plätze. Das Theater hat nur eine Galerie und im
heute wieder hergestellten Zustand von 1767 darüber eine Reihe kleiner Balkone als
Andeutung eines 2. Rangs. Wie in den hufeisenförmigen Theatern befinden sich die
akustisch besten Plätze am Ende des Ovals und in der hier im 1. Rang liegenden el-
liptischen Kaiserloge (siehe Abbildung 1.4 oben).26 Der Architekt des 1747 eröffneten
Theaters, Nikolaus Pacassi (1716–1790), der auch für andere Bauten des Wiener Hofs
verantwortlich war, wurde auch Berater bei der Planung des Teatro alla Scala (1778).
1737 galt das von Antonio Medrano (1703–1760) und Angelo Carasale (gest. 1742)
errichtete und seither mehrmals renovierte Teatro San Carlo in Neapel als das größte
Hoflogentheater seiner Zeit. Es hat sechs Ränge und ist mit 22,50 m an der breitesten
Stelle gleich breit wie hoch und mit 25,00 m 2,50 m länger als breit. Das Saalvolumen
beträgt 12.375 m3, die Nachhallzeit heute 1,25–1,05 sec für 500–1000 Hz.27 1751 ver-
fügte das Theater über 2550 Sitzplätze, welche im 20.
Jahrhundert aus feuerpolizeilichen
Gründen auf 1414 reduziert wurden.
Das 1778 von Kaiserin Maria Theresia eröffnete Teatro alla Scala in Mailand, ein
hufeisenförmiges Logentheater mit sechs Rängen, welches 22 m lang, 21,50 m breit
23 Tamburini 1984, S. 17–18, insbes. Anm. 23.
24 Leacroft, S. 86 und fig. 132: Bemerkung zum Theater von Cosimo Morelli in Imola 1779–80.
25 Semper 1904, S. 204.
26 https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Sch%C3%B6nbrunner_Schlosstheater.jpg [letzter Zugriff am
14.10.2016]; Endmayer 1984.
27 Beranek 1996, S. 606.
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Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
Hof – Oper – Architektur
- Title
- Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
- Subtitle
- Hof – Oper – Architektur
- Authors
- Margret Scharrer
- Heiko Laß
- Editor
- Matthias Müller
- Publisher
- Heidelberg University Publishing
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-3-947732-36-4
- Size
- 19.3 x 26.0 cm
- Pages
- 618
- Keywords
- Kunstgeschichte, Architektur, Oper, art history, architecture, opera
- Category
- Kunst und Kultur