Page - 429 - in Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa - Hof – Oper – Architektur
Image of the Page - 429 -
Text of the Page - 429 -
Die (dramatische Musik in der) Schlafkammerbibliothek Kaiser Leopolds I.
429
behauptet, die Bibliothek Josephs I. umfassen könnte. Allerdings sind diese Signatu-
ren alle vom Verfasser des Verzeichnisses geschrieben. Eine Vorlage dafür habe ich
nirgends gefunden.
Lambecks »Desinteresse«: eine Frage der Kompetenzen
Ob Lambeck persönlich musikalisch interessiert war, ist unwesentlich, denn er
kaufte lediglich einige wenige Musikalien für die Hofbibliothek. Es geht um aus-
schließlich gedruckte Werke, die nicht der Hofkapelle zugeschlagen wurden, son-
dern zu den Beständen der »wissenschaftlichen Präsenzbibliothek« gehören.17
Die Ankäufe gehen u. a. aus den Rechnungen für die Einbände hervor. Lambeck
sammelte keine Noten, die mit Aufführungen am Hof in Verbindung standen; er
kaufte somit auch keine von den Hofnotisten geschriebenen Musikalien. Er ließ
diese auch nicht einbinden. Dies gehörte nicht zu seinen Pflichten: Hofmusik wurde
in der Hofkapelle verwahrt, die nicht in seinen Zuständigkeitsbereich fiel. Mehr
noch, das Ordnen der Musikbestände der Cubicularis fand möglicherweise oder gar
wahrscheinlich erst nach seinem Tod statt (vielleicht einhergehend mit der Trans-
ferierung der noch verbliebenen Teile der wertvollen allgemeinen Privatsammlung
in die Hofbibliothek?). Vielleicht geschah dies mehr oder weniger gleichzeitig mit
dem Verfassen der Distinta specificatione (= DS ), die Bestände der Hofkapelle auflis-
tet. Vielleicht gab es auch einen parallelen Katalog, in dem die Bestände der Schlaf-
kammerbibliothek verzeichnet wurden, ein Band, der zusammen mit einem Groß-
teil der Sammlung heute verschwunden ist.18 Die DS ist nicht datiert, jedoch kann
sie nicht vor 1684 entstanden sein, da das in diesem Jahr uraufgeführte Oratorium
S. Antonio in Padoa aufgelistet ist. Das Ordnungssystem der Cubicularis folgt einer
Logik, die nicht sehr leicht durchschaubar ist. Ein Problem ist, dass in einer Lage
frühe und spätere Partituren zusammenkommen können; die Ordnung einer (späte-
ren) Schicht ist dabei unabhängig von einer eventuell vorhandenen früheren Schicht
und in sich logisch.
Lambeck hätte zweifelsohne die Musikalien in seinen Audienz-Memorialien er-
wähnt, wenn er für diesen Teil der Sammlung verantwortlich gewesen wäre. Es gibt
aber keine Spur einer solchen Erwähnung, nicht mal die beiden Faszikel mit Musik-
handschriften im Lambeckschen Katalog sind näher beschrieben.
17 Das Wort »Präsenzbibliothek« trifft nicht ganz zu, denn die Benutzer nehmen ja (mangels eines Raums,
in dem sie arbeiten können) die Bücher mit nach Hause. Es geht aber nicht um Musikalien für den prak-
tischen Gebrauch.
18 Von der Sammlung seines Sohnes Karl VI. ist ein Katalog erhalten: Catalogo Delle Compositioni Musi-
calj
…, A-Wn, Sippl. Mus. 2452. Die letzten Einträge beziehen sich auf das Jahr 1739; die frühesten sind
Teile der Privatbibliothek Leopolds.
back to the
book Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa - Hof – Oper – Architektur"
Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
Hof – Oper – Architektur
- Title
- Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
- Subtitle
- Hof – Oper – Architektur
- Authors
- Margret Scharrer
- Heiko Laß
- Editor
- Matthias Müller
- Publisher
- Heidelberg University Publishing
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-3-947732-36-4
- Size
- 19.3 x 26.0 cm
- Pages
- 618
- Keywords
- Kunstgeschichte, Architektur, Oper, art history, architecture, opera
- Category
- Kunst und Kultur