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Klaus Pietschmann
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dert hinein zirkulierten italienische Opern nahezu ausschließlich in Abschriften.2 Eine
weitere Auffälligkeit besteht schließlich darin, dass sich Bontempi gemäß der Vorrede
nicht an den antiken Gattungen orientiert, sondern vielmehr ein »Erotopaegnion Mu-
sicum« zu schaffen beabsichtigte, ein »musikalisches Liebesspiel«.3 Zwar wurden diese
Aspekte von der Forschung durchaus konstatiert, allerdings blieben Versuche einer Ein-
ordnung und Bewertung der Anlage und Überlieferung des Werkes weitgehend aus, wie
überhaupt die Person Bontempis nur beiläufige Würdigung erfuhr.4 Das Anliegen der
nachfolgenden Ausführungen ist es daher, die an die Aufführung und ihre mediale Ver-
breitung geknüpften Intentionen Bontempis und des Dresdner Hofes mit Hinblick auf
den Entstehungsanlass sowie die beteiligten Akteure schärfer zu profilieren. Ein beson-
deres Augenmerk soll dabei auch der Rolle des Paride im europäischen Kontext gewidmet
werden, denn mit Francesco Cavallis Ercole amante und Antonio Cestis Il pomo d’oro ent-
standen zeitnah in Paris und Wien zwei weitere höchst ambitionierte, für die weitere Ent-
wicklung der italienischen Oper richtungsweisende Hochzeitsopern, auf die, so die These,
auch der Dresdner Paride in verschiedener Hinsicht rekurriert. Hierzu soll zunächst die
Anlage der Oper in den Kontext der Dresdner Feierlichkeiten eingeordnet werden, bevor
dann die überlieferten Librettodrucke und der Partiturdruck in ihren Bezügen zu Paris
und Wien in den Blick rücken. Dabei soll gezeigt werden, dass sich Il Paride gleicherma-
ßen als Beitrag zur Positionierung des Dresdner Hofes innerhalb der europäischen Fest-
kultur wie als Ausweis von Bontempis künstlerischen Ambitionen werten lässt.
Zur Anlage der Oper im Kontext der Dresdner Feierlichkeiten
Die fünf Akte schildern die Geschichte des Parisurteils und seiner Folgen. Der Handlungs-
verlauf beinhaltet die bekannten Stationen des Streits der Göttinnen um den Apfel, Jupi-
ters Bestimmung des als Schäfer in einer Liebesbeziehung mit der Nymphe Enone am Berg
Ida lebenden trojanischen Königssohns Paris zum Richter, der Entführung der Helena und
beider Eintreffen in Troja und endet mit dem Jubel über die glückliche Verbindung. Die
Aufführung war Teil der umfangreichen Hochzeitsfeierlichkeiten, die von Uta Deppe prä-
zise rekonstruiert und in ihren allegorischen Bezügen interpretiert wurden.5 An die Auf-
führung am 2.
November schlossen sich gesprochene Schauspiele an, die den Trojanischen
Krieg und den Tod Hektors zum Gegenstand hatten. Ergänzt wurden sie um ein Turnier-
fest der Griechen und Trojaner, an dem der Kurfürst als Agamemnon, Herzog Friedrich
2 Vgl. die zwar nicht vollständige, aber repräsentative Auflistung italienischer Operndrucke des 17. und
18. Jahrhunderts in Sonneck 1921, S. 305–307.
3 Bontempi 1662 (ohne Pag.); Bontempi 1970 (ohne Pag.).
4 Zu Bontempi und Il Paride vgl. insbesondere Brumana / Timms 2013 [letzter Zugriff am 22.12.2016];
Brumana 2005; Fürstenau 1861, S. 204–214; Engländer1961; Jahns 1985.
5 Deppe 2006, S.
88–126.
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Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
Hof – Oper – Architektur
- Title
- Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
- Subtitle
- Hof – Oper – Architektur
- Authors
- Margret Scharrer
- Heiko Laß
- Editor
- Matthias Müller
- Publisher
- Heidelberg University Publishing
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-3-947732-36-4
- Size
- 19.3 x 26.0 cm
- Pages
- 618
- Keywords
- Kunstgeschichte, Architektur, Oper, art history, architecture, opera
- Category
- Kunst und Kultur