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Die gespiegelte Inszenierung?
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Aufenthalte in Laxenburg auf die Saison der Reiherjagd im Mai und Anfang Juni, in die
auch keine bedeutenden Feste des Hofcurriculums fielen.81 Dementsprechend dienten
die im dortigen Schlosstheater gebotenen, meist französischen Stücke der Unterhal-
tung. Sitzordnungen werden für die Aufführungen in Laxenburg nicht thematisiert,
wohl auch aufgrund des intimen Charakters der Jagdaufenthalte.
4 Zu Größe und Platzierung des Orchesters
Eine der wenigen zeitgenössischen Abbildungen des Bühnenportals des Alten Burg-
theaters (vgl. Abb. 5) stammt von der Aufführung des opéra-ballet Les Indes galantes
von Louis Fuzelier (Text) und Jean Philippe Rameau (Musik) (Le Turc genereux ist die
2. Entrée), das auf Veranlassung von Intendant Giacomo Durazzo am 26.
April 1758 im
Burgtheater gegeben wurde.82 Wie Abbildungen aus späterer Zeit zeigen, gab Bernardo
Bellotto (gen. Canaletto) die Dimensionen jedoch verzerrt wieder, da das Bühnenportal
mehr hoch denn breit war; bei Bellotto dominiert hingegen die Breite, wenngleich die
Anzahl der Ränge der Realität entspricht. Der Orchesterbereich
– nicht abgesenkt und
nur durch eine Balustrade vom Zuschauerraum getrennt
– hatte wenig Raumtiefe, gab
aber durch die raumsparende Aufsetzung in zwei Reihen gegenüber dennoch rund 24
Musikern Platz: Von links nach rechts sind zuerst die Blechbläser (zwei Hornisten),
dann die Kontrabassgruppe zu sehen, der 17 Geiger folgen
– die abgebildete Besetzung
entspricht keineswegs dem gezeigten Stück, die Orchestergröße insgesamt scheint je-
doch realistisch.83
Die wesentlich kleiner dimensionierten und auch nicht für repräsentative Auf-
führungen ausgelegten Schlosstheater in Schönbrunn und Laxenburg verfügten über
schmälere und auch kürzere Bühnenräume (in Schönbrunn noch dazu an einer Seite
eingebuchtet), sodass der Orchesterbereich um einiges kleiner ausfiel als im Alten
Burgtheater. Wenn man davon ausgeht, dass es sich dabei im Wesentlichen um den Be-
81 Zum Zeremoniell in Laxenburg vgl. ebd., S. 468–474. Der Geburtstag Maria Theresias am 13. Mai lag
zwar am Beginn der Reiherbeize; Geburtstagsaufführungen und -feste fanden in diesem Fall aber nicht
in Laxenburg, sondern in Schönbrunn oder in der Wiener Hofburg statt.
82 Les Indes galantes, opéra-ballet (Prolog, Le turc généreux, Les Incas du Pérou, Les fleurs, Les sauvages),
Libretto: L. Fuzelier. Erstaufführung 23. August 1735 (Druck Paris ca. 1736). Vgl. Sadler / Christen-
sen 2001, S. 797–798. Zechmeister 1971 (S. 467) verzeichnet nur Le turc genereux – offenbar wurde in
Wien 1758 nur dieser Akt als Ballett-Pantomime gegeben, ergänzt durch zwei vorangestellte weitere
Akte (englische Matrosen bzw. ein holländischer Jahrmarkt), die nicht zu Les Indes galantes passen. Die
Choreographie der Wiener Aufführung stammt von Hilverding; ob für den Türken-Akt wirklich auf die
Musik von Rameau zurückgegriffen wurde, kann mangels Quellen nicht beantwortet werden – Karin
Fenböck relativiert und verweist auf das damals populäre Thema von »Edlen Wilden / Türken« (Fen-
böck 2013, 264–271).
83 Die Partitur verlangt für den Akt Le turc généreux neben der gezeigten Streicherbesetzung auch eine
umfangreiche Holzbläserbesetzung, die im Kupferstich aber nicht auszunehmen ist.
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Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
Hof – Oper – Architektur
- Title
- Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
- Subtitle
- Hof – Oper – Architektur
- Authors
- Margret Scharrer
- Heiko Laß
- Editor
- Matthias Müller
- Publisher
- Heidelberg University Publishing
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-3-947732-36-4
- Size
- 19.3 x 26.0 cm
- Pages
- 618
- Keywords
- Kunstgeschichte, Architektur, Oper, art history, architecture, opera
- Category
- Kunst und Kultur