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Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa - Hof – Oper – Architektur
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Page - 525 - in Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa - Hof – Oper – Architektur

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»Meisterstücke der Erfindung« und konkrete Wirklichkeit 525 Gelände lag dem Sonnentempel gegenüber, unterhalb des Wasserbassins. Einer Grottie- rung vergleichbar sind sowohl der Sonnentempel im Äußeren als auch die dem Innen- hof zugewandten Fassaden der Zirkelbauten mit Glasflussschlacken und Quarzkristal- len überzogen. Das sich in ihnen reflektierende Licht lässt die Gebäude transparent und ephemer erscheinen.27 Im Bühnenbild nun hat Carlo den Sonnentempel der Eremitage in reduzierter Form übernommen. Er erscheint als ein nach allen Seiten geöffneter Pavillon, der das Bild do- miniert. Der Verzicht auf die Erfindung von Herrschaftsarchitektur, die gerade in ihrer Übersteigerung wirken sollte, wird ersetzt durch eine Replik aus dem konkreten Le- bensbereich des Markgrafenpaares. Mit Apoll in der Eremitage wird deutlich auf Mark- graf Friedrich angespielt, der als brandenburgischer Apoll die Geschicke seines Landes lenkt. In der Oper nun wird durch das Zitat des Sonnentempels Markgraf Friedrich sehr konkret ins Spiel und Bild gebracht. Der Regent ist nicht nur im Zuschauerraum in seiner Fürstenloge präsent, sondern auch auf der Bühne. Er wird zum »Hohenpries- ter«, der den Orakelspruch verkündet, durch dessen Erfüllung die Ordnung wieder- hergestellt wird. Das Bühnenbild erfüllt mehr als eine ins Bild gesetzte Darstellung allgemein verstandener fürstlicher Machtfülle. Es entsteht eine wesentlich intensivere Verbindung zwischen fürstlichem Auftraggeber und Operninszenierung, die durch das Bühnenbild deutlich aufeinander bezogen werden.28 27 Bemerkenswerterweise ist der Architekt der Anlage nicht bekannt. Schon lange aber wird vermutet, dass der Entwurf zu diesem Ensemble von Giuseppe und Carlo Galli Bibiena, die zur Entstehungszeit in Bayreuth anwesend waren, zumindest beeinflusst, wenn nicht sogar geplant gewesen sein dürfte; vgl. hierzu: Habermann 1982, S.  128–129. Anregungen dafür gab es im Familienœuvre genug, so etwa eine Gartenszene, die 1740 in seinem bekannten Werk »Architteture e prospettive« veröffentlicht hat (Pars III, 7). Von einer Terrasse blickt man in ein von Skulpturen und Orangenbäumchen gesäumtes Parterre. Den Abschluss bildet ein geschwungenes zweistöckiges Gebäude mit hohem aufgesetztem Giebelauszug  – kein Sonnentempel, auch das Bassin fehlt. Interessant aber sind die Flügelbauten, die das Hauptgebäude flankieren. Hier wie dort folgen sie einem kreisförmigen Grundriss und öffnen sich in hohen Arkaden. Den Abschluss bildet eine von Pflanzkübeln akzentuierte Balustrade, ähnlich der, die in einer zeitgenössischen Zeichnung der Eremitage überliefert wird. Vgl. Habermann 1982, Abb.  78, S.  126. 28 Noch einmal, vermutlich deutlich später, hat Carlo das Motiv des Sonnentempels aufgegriffen. In New York, in der Morgan Library & Museum befindet sich ein Carlo Galli Bibiena zugewiese- nes Blatt, das einen Palastinnenhof mit einem Tempel zeigt, in dem eine Götterstatue aufgestellt ist (Morgan Library & Museum, Inv. Nr.  1982.75:105; Gift of Mrs. Donald M. Oenslager, 1982. Drawing: http://www.themorgan.org/drawings/item/187633  [letzter Zugriff am 25.2.2018]). Diesmal ist die Kup- pel wie beim Vorbild der Bayreuther Eremitage durchfenstert und damit stärker akzentuiert. Dennoch ist nicht anzunehmen, dass es sich um einen Alternativentwurf für die Semiramis handelt. Stilistisch steht das Blatt den Bühnenbildern, die Carlo für das Singspiel Lettera ad un amico von Niccolo Jommelli ausgearbeitet hat, deutlich näher. Es wurde 1772 anlässlich der Geburt der Tochter von Ferdinand  IV., König beider Sizilien, inszeniert. Besonders auffallend sind die mit Girlanden umwundenen Säulen, die sich auch in der Darstellung des Palastes von Zeus wiederfinden. Vgl. Tav. XIII: Scena del Tempio di Giove und Tav. XIV: Scena della Regia di Giove, abgebildet in: Simone 2014. Vgl. außerdem: Kelder 1968, Kat. Nr.  67. Darüber hinaus ist auf die noch vorhandenen, originalen Kulissen von Carlo Galli Bibiena im Schlosstheater Drottningholm hinzuweisen; vgl. Reus 1999, Abb. S.  88.
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Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa Hof – Oper – Architektur
Title
Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
Subtitle
Hof – Oper – Architektur
Authors
Margret Scharrer
Heiko Laß
Editor
Matthias Müller
Publisher
Heidelberg University Publishing
Date
2020
Language
German
License
CC BY-SA 4.0
ISBN
978-3-947732-36-4
Size
19.3 x 26.0 cm
Pages
618
Keywords
Kunstgeschichte, Architektur, Oper, art history, architecture, opera
Category
Kunst und Kultur
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