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PROJEKTION DER FERNE:
EXOTISCHE RÄUME IM FRANZÖSISCHEN
MUSIKTHEATER DES 17. JAHRHUNDERTS
Margret Scharrer
Einleitung
Bereits ein kurzer Blick auf die Theatergeschichte zeigt: Exotik und Exotismen sind
weitverbreitete Phänomene. Die Möglichkeit zur Entfaltung exotischen Kolorits stellt
ein gängiges und äußerst beliebtes Mittel dar, Publikum und Mitwirkende dem ›Hier‹
und ›Jetzt‹ zu entrücken. Das Musiktheater des 17.
und 18.
Jahrhunderts hegte eine be-
sondere Vorliebe fürs Exotische, was der Forschung nicht entgangen ist und bereits zu
verschiedenen Untersuchungen geführt hat.1
Vor allem im französischen Musiktheater existieren zahlreiche Exotismen.2 Das be-
kannteste Beispiel stellt mit Sicherheit die Cérémonie turque aus der Comédie-ballet
Le Bourgeois gentilhomme dar, die Thomas Betzwieser als Initialszene des Exotismus
versteht.3 Molière und Jean-Baptiste Lully kreierten das Stück im königlichen Auftrag.
Die osmanische Kultur sollte samt ihrer Riten der Lächerlichkeit preisgegeben werden.
Ludwig XIV. begegnete damit dem Verhalten des osmanischen Botschafters Süleyman
Agha Müteferrika, der ihm unmissverständlich zu verstehen gegeben hatte, dass er und
damit vor allem Mehmed
IV. nicht zur Unterordnung bereit waren. Die Comédie-ballet
wurde erstmals am 14. Oktober 1670 in Chambord auf einer provisorischen Bühne ge-
zeigt, die Carlo Vigarani, Intendant des plaisirs, in aller Eile für die Aufführung errichtet
hatte. Die Kostüme entwarf Henri de Gissey (Abb. 1). Vor allem durch die Cérémonie
turque erlangte das Werk große Popularität. Le Bourgeois gentilhomme erlebte nicht nur
1 Zum Exotismus im (Musik-)Theater des 17./18. Jahrhunderts allgemein siehe z. B. die im Rah-
men von Ottoman Empire and European theatre erschienenen Bände: Hüttler 2013, 2014 und 2015;
Hüttler / Weidinger 2016 und 2018; sowie Whaples 1984; Kreidt 1987; Head 2000; Cotticelli 2006;
Taylor 2007, S. 43–72; Bloechl 2008, S. 107–221; Locke 2009, S.
87–123; Williams 2014, S. 62–86.
2 Speziell zum Exotismus im französischen Musiktheater des 17. und 18. Jahrhunderts (und teils spä-
ter) siehe u.
a.: Lecomte 1981; Karro-Pélisson 1990; Betzwieser 1993; Assayag 1999; Meglin 2000;
Dartois-Lapeyre 2003; Cuenin-Lieber 2003. Die Dissertation von Nathalie Lecomte war mir nicht
zugänglich, da sie nicht veröffentlicht wurde.
3 Betzwieser 1995, Sp. 230. Le Bourgeois gentilhomme weist nicht nur diese große Türkenszene als exo-
tisches Moment auf. Im letzten großen Divertissement schuf Lully noch ein Ballet des nations, in dem
Gascogner, Schweizer, gutaussehende Damen und Herren, geschwätzige Alte, Spanier, Italiener und
Franzosen auftreten.
Veröffentlicht in: Margret Scharrer, Heiko Laß, Matthias Müller: Musiktheater im höfischen
Raum des frühneuzeitlichen Europa. Heidelberg: Heidelberg University Publishing, 2019.
DOI: https://doi.org/10.17885/heiup.469
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Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
Hof – Oper – Architektur
- Title
- Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
- Subtitle
- Hof – Oper – Architektur
- Authors
- Margret Scharrer
- Heiko Laß
- Editor
- Matthias Müller
- Publisher
- Heidelberg University Publishing
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-3-947732-36-4
- Size
- 19.3 x 26.0 cm
- Pages
- 618
- Keywords
- Kunstgeschichte, Architektur, Oper, art history, architecture, opera
- Category
- Kunst und Kultur