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Projektion der Ferne: exotische Räume im französischen Musiktheater des 17. Jahrhunderts
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Kreationen exotischer Gegenwelten in höfischen Kontexten
Seit den frühen Hochkulturen ist in höfischen Kontexten die Schaffung exotischer und
phantastischer Gegenwelten belegt. Mit ihrer Hilfe erfolgten etwa Inszenierungen von
Herrschereinzügen und Festen.17 Die Schau von Wunderbarem und das dadurch her-
vorgerufene Staunen bildete sehr wahrscheinlich eine anthropologische Grundkon-
stante höfischer Inszenierungsformen.18 Diese erfolgte allerdings nicht nur festtags,
sondern auch alltags, denken wir etwa an die zahlreichen Kunstobjekte oder Realien,
die aus aller Herren Länder in den Kunstkammern gesammelt und ausgestellt wur-
den, bzw. an die Rezeption von Exotismen in der Kunstproduktion. Die Bandbreite
reicht vom Porzellankabinett, asiatischen Lackarbeiten und Seidenstoffen, der Schaf-
fung fremdländisch anmutender Gärten und Menagerien, ›Türkischer Kammern‹ und
Janitscharenkapellen bis hin zur ›Hofmohrenfamilie‹.19 Bereits diese schlagwortartige
Aufzählung zeigt, dass die Kreation des idealen höfischen Raums untrennbar mit der
Projektion ferner Welten verbunden ist.
Die Konstruktion des ›Sehnsuchtsortes‹ Hof erfolgt, wie wir wissen, durch sinn-
liche Empfindungen, die wiederum untrennbar mit dem psychischen und physischen
Erleben verbunden sind. Höfische Feste stellen einen wesentlichen Bestandteil der
Kreation von Gegenwelten, Exotismen ein ideales Mittel bei der Umsetzung und Rea-
lisierung unterschiedlicher Festsituationen dar. Dass Ludwig XIV. und sein Hofstaat
sich immer wieder in festlichen Spektakeln inszenierten, ist ausführlich untersucht
worden.20 Bei den Aufzügen und Maskeraden spielten Projektionen exotischer, ar-
kadischer oder anderer antikisierter Ideallandschaften einschließlich der dort le-
benden und herrschenden Gestalten eine wesentliche Rolle. Ludwig benutzte my-
thologische, exotische und allegorische Figuren,21 um sich und die ihn umgebende
adlige Elite als deren idealisierte Abbilder zu präsentieren oder sich im Rahmen von
Verkleidungs divertissements zu verlustieren. Große Berühmtheit erlangte in diesem
17 In diesem Zusammenhang müssen wenige Stichpunkte reichen. Siehe z. B. Petrons Romans Satyrikon
mit dem Festmahl des Trimalchio, das große Fest von Daphne unter Ptolemaios II. oder die römischen
Triumphzüge. Letztere fanden mit den Herrschereinzügen des Mittelalters und der Frühen Neuzeit
– auf
denen wiederholt fremdländische Tiere und Personen präsentiert wurden
– ihre Fortsetzung. Vor allem
der Hof Kaiser Friedrichs II. galt als exotisch. Nicht nur hier waren Exotika in Form fremdländischer
Tiere, orientalischer oder byzantinischer Stoffe, Kleidung, Prunkzelte sowie weitere Kunst- und Sam-
melobjekte verbreitet. Rösener 2008, S.
71–72, 139–140, 148. Whaples verweist u. a. auf die Aufführung
von Moriskentänzen und die Festlichkeiten am burgundischen Hof. Whaples 1984, S. 15–18.
18 Im Umkehrschluss ist zu fragen, inwiefern sich auch in außereuropäischen Hofkulturen Exotismen
zeigen.
19 Dazu existiert umfangreiche Literatur, siehe stellvertretend: Müller 1995, S. 59–61; Collet 2007;
Theilig 2013, S. 74–77, 121–168; Williams 2014, S. 63–193.
20 Bekannt ist auch, dass er sich auf konkrete Vorbilder seiner unmittelbaren Vorgänger beziehen konnte.
Weiteres Vergleichsmaterial bot sich an den Höfen verwandter und konkurrierender Potentaten.
21 Natürlich gibt es zwischen den unterschiedlichen Kategorien Übergänge.
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Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
Hof – Oper – Architektur
- Title
- Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
- Subtitle
- Hof – Oper – Architektur
- Authors
- Margret Scharrer
- Heiko Laß
- Editor
- Matthias Müller
- Publisher
- Heidelberg University Publishing
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-3-947732-36-4
- Size
- 19.3 x 26.0 cm
- Pages
- 618
- Keywords
- Kunstgeschichte, Architektur, Oper, art history, architecture, opera
- Category
- Kunst und Kultur