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Margret Scharrer
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Zusammenhang das 1662 von ihm anlässlich der Geburt des Thronfolgers in Paris ver-
anstaltete große Karussell. Der König selbst stellte hier als Oberhaupt der Parade sinn-
fälliger Weise den römischen Kaiser dar, während sein Bruder, Philippe von Orléans,
als Anführer der Perser fungierte. Louis II. von Bourbon, Prince de Condé, trat als
türkischer König auf. Weiterhin existierte eine indische Reitertruppe, die vom Herzog
von Enghien angeführt wurde, sowie eine amerikanische Reiterparade, der Henri II.
de Lorraine vorstand. Sie alle zogen in einem großen Aufzug durch Paris. Höhepunkt
bildete ein Turnier, in dem die unterschiedlichen Parteien gegeneinander Scheinge-
fechte ausführten. Die Kostüme für das Karussell hatte Gissey unter Berücksichtigung
kursierender Abbildungen von Melchior Lorck22 entworfen, die ephemere Bühnen-
architektur schuf Carlo Vigarani.23
Neben diesem Karussell gab es im Laufe der Regierungszeit Ludwigs XIV. noch
zahlreiche weitere Aufzüge dieser Art wie z. B. das Carrousel des Maures (1685) oder
das Carrousel d’Alexandre et Thalestris ou des Galantes Amazones (1686), bei denen eine
Ausstattung exotischer Kostüme zur Schau gebracht wurde, die u. a. nach Entwürfen
von Jean Berain entstanden.24 Der Marquis de Sourches teilt über die Inszenierung von
Alexandre et Thalestris, das anlässlich des Empfangs einer Gesandtschaft aus Siam in-
szeniert wurde, unter dem 28. Mai 1686 mit:
»Mgr. le Dauphin étoit Alexandre, et Thalestris, Mme la duchesse de Bourbon. Le prince
Lysimachus étoit M. le duc de Bourbon, et Mlle de Bourbon étoit la princesse Orythie.
Chacun des chevaliers et des dames s’étoit habillé à sa fantaisie, les uns à l’antique, les
autres à la moderne, les une à l’étrangère, les autres à la françoise, les autres enfin d’une
manière melée de toutes ces modes differentes. Mais tous les habits et tous les harnois
des chevaux y étoient d’une magnificence surprenante.«25
Aus der Beschreibung geht hervor, dass die Kostüme unterschiedlichsten Kontexten zu-
geordnet wurden, jeder der Beteiligten nach seiner Phantasie gekleidet auftrat, es sich
also um eine Mischung verschiedener »Moden« handelte. Als entscheidend wertet der
Marquis letztendlich das überraschend-prunkvolle Gesamtbild.
Während des Karnevals wurden bei Hof zudem immer wieder Maskenbälle veran-
staltet, so trat der König im Karnevalsball 1667 als Chinese auf. Die Märzausgabe des
Mercure galant 1683 berichtet von einem Karnevalsball in Versailles, anlässlich dessen
22 Lorck gehörte einer Gesandtschaft an, die Kaiser Ferdinand I. 1553/54 nach Konstantinopel entsandt
hatte. Seine bildlichen Darstellungen der osmanischen Lebenswelten, u. a. ein Portrait von Süleyman
I.,
erlangten im 17. Jahrhundert Verbreitung. Williams 2014, S. 20. Zu den Kostümen von Gissey siehe
La Gorce 2015, S. 143–147.
23 Siehe dazu Delalex 2016; Williams 2014, S. 11 und 63; Sammler 2009, S.
88–91.
24 La Gorce 2015, S.
153.
25 Cosnac / Broussillon 2010, S. 388.
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Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
Hof – Oper – Architektur
- Title
- Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
- Subtitle
- Hof – Oper – Architektur
- Authors
- Margret Scharrer
- Heiko Laß
- Editor
- Matthias Müller
- Publisher
- Heidelberg University Publishing
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-3-947732-36-4
- Size
- 19.3 x 26.0 cm
- Pages
- 618
- Keywords
- Kunstgeschichte, Architektur, Oper, art history, architecture, opera
- Category
- Kunst und Kultur