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Projektion der Ferne: exotische Räume im französischen Musiktheater des 17. Jahrhunderts
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umfangreiches festlich-exotisches Kolorit verbreitet werden sollte, zeigt die Anweisung
zur dritten Szene des letzten Akts explizit: »Troupe d’Ethiopiens magnifiquement parée
pour assister aux Nopces de Persée & Andromede.«45
Afrikanisch-asiatisches Flair wird in Phaéton (1683) geschaffen. Libie, die der ehr-
geizige Phaéton zu ehelichen gedenkt, ist die Tochter des ägyptischen Königs Mérops.
Es treten ferner die zwei tributpflichtigen Könige aus Äthiopien und Indien mit ih-
ren Gefolgen auf. Ferner mischen sich ägyptische Isis-Priester, Götter und Halbgötter,
schreckliche Furien und Geister und verschiedene Allegorien wie die Stunden des Ta-
ges und die vier Jahreszeiten in das Spiel ein.46 Wie sehr exotische und phantastische
Elemente eine Symbiose eingehen, macht die Verwandlung von Protée im ersten Akt
(I.7) deutlich: »Protée disparaist & se transforme successivement en Tigre, en Arabe, en
Dragon, en Fontaine & en Flame.«47
Die letzten drei Tragédies von Lully sind im ›Rittermilieu‹ angesiedelt und führen
uns in ganz unterschiedliche Gegenden: Amadis (1684), nach dem gleichnamigen Rit-
terroman, spielt in Gallien, Schottland und England, weicht dann aber in phantastische
Zauberreiche aus.48 Sehr ›international‹ ist die Besetzung von Roland (1685, Abb.
4): der
Hauptheld Roland ist ein fränkischer Paladin Karls des Großen und in die chinesische
Prinzessin Angélique verliebt. Diese wiederum hat ihr Herz dem jungen Sarazenen
Médor geschenkt, mit dem sie beschließt, in Cathay (China) zu leben. Als Roland dies
erkennen muss, verfällt er dem Wahnsinn, sein britischer Begleiter, Prinz Astolfo, sorgt
dafür, dass ihn die Fee Logistille und ihre Gefährtinnen vom Wahnsinn heilen.49 Lullys
letzte vollendete Tragédie, Armide (1686), spielt zur Zeit der Kreuzzüge im Nahen Osten.
Armide (Abb. 5) ist eine Prinzessin aus Damaskus, die samt ihren damaszenischen Be-
gleiterinnen auftritt und sich von ihrem Volk feiern lässt. Die mitwirkenden Helden sind
Kreuzritter aus unterschiedlichen Gegenden.50 Mit der Oper Achille et Polyxène (1688)
–
das Textbuch schuf Jean Galbert de Campistron, Pascal Colasse vollendete die Kompo-
sition
– kehrt Lully schließlich wieder an griechisch-trojanische Schauplätze zurück.51
Lullys Tragédies en musique knüpfen an die für die Oper gängigen Sujets an, wie sie
auch außerhalb Frankreichs in Umlauf waren. Ovids Metamorphosen, Torquato Tassos
La Gerusalemme liberata und Ludovico Ariostos Orlando furioso hatten bereits für höfi-
sche Feste und Ballette thematisches Material geliefert und wurden neben den griechi-
schen Dramatikern zum ›Themenfundus‹ der Tragédies en musique. Betrachten wir die
45 Lully 1682, S.
276.
46 Bufford 1999, Bd. 2, S. 105–150.
47 Lully 1683, S.
41.
48 Bufford 1999, Bd. 2, S. 151–196.
49 Bufford 1999, Bd.
2, S.
197–247. In Ariostos Epos holt Astolfo den Verstand des Helden vom Mond zurück.
50 Bufford 1999, Bd. 2, S. 249–287.
51 Pitou 1983, S.
139–141.
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Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
Hof – Oper – Architektur
- Title
- Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
- Subtitle
- Hof – Oper – Architektur
- Authors
- Margret Scharrer
- Heiko Laß
- Editor
- Matthias Müller
- Publisher
- Heidelberg University Publishing
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-3-947732-36-4
- Size
- 19.3 x 26.0 cm
- Pages
- 618
- Keywords
- Kunstgeschichte, Architektur, Oper, art history, architecture, opera
- Category
- Kunst und Kultur