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L’ARCHITECTURE DANSANTE – TANZ, GEOMETRIE UND
RAUM IN DER HÖFISCHEN FESTKULTUR UM 1700
Simon Paulus
»Man sollte denken, die Baukunst als schöne Kunst arbeite allein fürs Auge; allein sie
soll vorzüglich, und worauf man am wenigsten achthat, für den Sinn der mechanischen
Bewegung des menschlichen Körpers arbeiten; wir fühlen eine angenehme Empfindung,
wenn wir uns im Tanze nach gewissen Gesetzen bewegen; eine ähnliche Empfindung
sollten wir bei jemand erregen können, den wir mit verbundenen Augen durch ein wohl-
gebautes Haus hindurchführen. Hier tritt die schwere und komplizierte Lehre von den
Proportionen ein, wodurch der Charakter des Gebäudes und seiner verschiedenen Teile
möglich wird.«1
Die Ergründung von Gemeinsamkeiten, Bezügen und Abhängigkeiten der beiden dar-
stellenden Kunstdisziplinen Architektur und Tanz ist, wie es Johann Wolfgang von
Goethe in seinem 1795 veröffentlichten Artikel Baukunst treffend angedacht hat, im
Hinblick auf eine ›Gleichzeitigkeitʻ2 oder vielmehr ›Gleichsinnigkeitʻ der Künste sehr
reizvoll. Dabei mag vielleicht eine Vergleichbarkeit aufgrund ihrer beiden vermeint-
lich konträren Positionen schwerfallen – beruht die eine doch auf dem Prinzip der
Dynamik, die andere auf dem der Statik. Besonders aber zwischen etwa 1650 und 1720
gehen Tanz und Architektur gerade im Musiktheater eine einmalige Symbiose ein, die
dem allgemeinen harmonikalen Weltbild einer übergeordneten Ordnung und Regulie-
rung folgen soll. Eine Symbiose, die zwischen diesen beiden Disziplinen vielleicht erst
wieder in vergleichbarer Weise mit den Inszenierungen des triadischen Balletts Oskar
Schlemmers in den 1920er Jahren bewusst gesucht wird.3 Im Folgenden soll sich ganz
im Sinne der Vielschichtigkeit barocker Wahrnehmungsweisen dem Thema aus ver-
1 Goethe 1985, 108.
2 Zum Verständnis dieses Begriffs sei auf die Äußerung des Musikwissenschaftlers Friedrich Blume ver-
wiesen, die m.E. immer noch ihre Gültigkeit besitzt: »Mit der Einsicht, dass der musikalische Barock
nicht in der mehr oder minder fragwürdigen Übereinstimmung äußerer Stilmerkmale mit denen an-
derer Künste, sondern in der inneren Einheit eines Zeitgeistes besteht, schwindet der im Schrifttum
häufig aufgetauchte, auf Nietzsche zurückgehende Zweifel an der Gleichzeitigkeit der Musik mit jenen.
›Zeitgeist‹ wird hierbei verstanden, nicht nur im Sinne eines Wirkungsfaktors, der, an und für sich
unerklärbar, die Menschen einer Zeit und eines Raumes in eine gemeinsame Form des Denkens, Füh-
lens und Sichäußerns hineinzwingt, sondern auch im Sinne einer bestimmten Art und Weise, wie die
Menschen eines Zeitalters sich selbst sehen und sich in Beziehung zur physischen und metaphysischen
Welt setzen. Echte Gleichzeitigkeit wird nicht dadurch nachgewiesen, dass irgendwelche äußeren Stil-
merkmale der Malerei oder der Dichtkunst sich in Analogie zu denen der Musik bringen lassen.« Blume
1974, S. 178–179.
3 Vgl. hierzu weiterführend Zimmermann 2014, S. 189–214, 283–299.
Veröffentlicht in: Margret Scharrer, Heiko Laß, Matthias Müller: Musiktheater im höfischen
Raum des frühneuzeitlichen Europa. Heidelberg: Heidelberg University Publishing, 2019.
DOI: https://doi.org/10.17885/heiup.469
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Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
Hof – Oper – Architektur
- Title
- Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
- Subtitle
- Hof – Oper – Architektur
- Authors
- Margret Scharrer
- Heiko Laß
- Editor
- Matthias Müller
- Publisher
- Heidelberg University Publishing
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-3-947732-36-4
- Size
- 19.3 x 26.0 cm
- Pages
- 618
- Keywords
- Kunstgeschichte, Architektur, Oper, art history, architecture, opera
- Category
- Kunst und Kultur