Page - 566 - in Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa - Hof – Oper – Architektur
Image of the Page - 566 -
Text of the Page - 566 -
Simon Paulus
566
schiedenen Blickwinkeln angenähert werden, von allegorischen bis hin zur konkreten
räumlichen und kinetischen Bezugsaspekten.4
Äußerst plastisch wird uns die Verschmelzung beider Künste in den Bühnenwerken
des französischen Musiktheaters dieser Zeit vor Augen geführt. Hier hatten sich im
Laufe des 17.
Jahrhunderts aus dem Ballet de cour verschiedenartigste Verbindungsfor-
men von Schauspiel, Musik und Tanz herausgebildet, die um 1700 u. a. in dem beson-
deren Genre des Opéra-ballets gipfelten.5 Eine konkrete Anregung zu dem Thema mag
daher zunächst die allegorische Vorstellung von einer ›tanzenden Figur‹ der Architek-
tur in einem dieser Bühnenwerke selbst liefern: im Jahr 1685 kam am Hof der Duchesse
de Guise, Maria von Lothringen, das Divertissement Les Arts florissants zur Aufführung;
eine Komposition ihres Hauskomponisten Marc-Antoine Charpentier, die
– wie so viele
Werke dieser Zeit – eine musikalische Huldigung des Sonnenkönigs Ludwig XIV. dar-
stellte.6 Zu den als Figuren auftretenden Allegorien der ›blühenden Künste‹ in diesem
mal als Opéra mal als Idylle en musique bezeichneten Werk zählen die Musik, die Ma-
lerei, die Poesie und nicht zuletzt auch die Architektur, für deren Gesangspartie ein
Mezzosopran vorgesehen war.7 Dass in diesem Stück auch getanzt wurde, bezeugen
nicht zuletzt einige eingestreute Tanzsätze, z. B. eine Entrée (der Furien), ein Menuet,
eine Chaconne sowie eine Sarabande en rondeau. Man darf sich also getrost auch eine
tanzende Architektur vorstellen – vielleicht in ein ähnliches Habit einkleidet, wie es
Nicolas de Larmessin in seiner Stichserie Le Costumes grotesques (ca. 1695) der Figur
des Architekten zuteilte (Abb. 1).
4 Der Aspekt von Körper- und Raumwahrnehmung in der Frühen Neuzeit, speziell im Tanz, kann hier nicht
vertiefend behandelt werden. Verwiesen sei über die für diesen Beitrag zugrundeliegende Literatur hin-
aus weiterführend auf: Schulze 2011; Schroedter 2004; Mourey 2013; Bennet
/
Mourey
/
Schroedter
2008.
5 Dazu weiterführend: Durosoir 2004.
6 Im Werkverzeichnis des Komponisten: H 487. Hitchcock 1996, S. 120–164.
7 Die der Architektur zugewiesenen Textpassagen lauten (Hitchcock 1996, S. 120–164):
L’Architecture:
»Joignons nous savante peinture
faisons que ses explois vivent malgré les temps
Dans un désert stérile ou l’ingrate nature
rend autant qu’elle peut aux efforts impuissans,
je lui dresse un palais dont la noble structure
etale ce qu’elle a de plus riches presens,
la forceant d’invincibles barrières,
je conduis en montant des rivières
qui dans les beaux jardins pour le charme des yeux
pussent mille jets d’eau jusqu’aux voutes des cieux.
L’Architecture et la Peinture:
Ce n’est que par ces grands spectacles,
ce n’est qu’en faisant des miracles
qu’on peut plaire à Louis,
comme il n’arrive à la victoire que par des moyens inouis.«
back to the
book Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa - Hof – Oper – Architektur"
Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
Hof – Oper – Architektur
- Title
- Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
- Subtitle
- Hof – Oper – Architektur
- Authors
- Margret Scharrer
- Heiko Laß
- Editor
- Matthias Müller
- Publisher
- Heidelberg University Publishing
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-3-947732-36-4
- Size
- 19.3 x 26.0 cm
- Pages
- 618
- Keywords
- Kunstgeschichte, Architektur, Oper, art history, architecture, opera
- Category
- Kunst und Kultur