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Simon Paulus
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Bemühungen gegen das Anarchische und für das Geregelte schlagen sich auch in der
Tanzkunst nieder.15 In und mit ihr vermeinte man den Menschen und seine Rolle in-
nerhalb der kosmisch-göttlichen Ordnung der Welt zu höchster Vollendung bringen
zu können, wie es John Davies in der 96. Strophe seines 1594 veröffentlichten Poems
Orchestra or A Poem of Dancing formulierte:16
»Loe this is Dauncings true nobilitie.
Dauncing the child of Musick and of Love,
Dauncing it selfe both love and harmony,
Where all agree and all in order move;
Dauncing, the art that all arts do approve;
The faire c[h]aracter of the worlds consent,
The heav[e]ns true figure and th’earths ornament.«
Die spätestens seit dem 15. Jahrhundert erkennbare Erhebung des Tanzes zur Kunst-
form und das damit verbundene Auftreten von Tanzmeistern und professionellen Tän-
zern gipfelte in Frankreich 1661 in der Gründung der Pariser Académie royale de danse
durch Ludwig XIV. – zehn Jahre vor der Gründung der Académie royale d’Architec-
ture. Die Instrumentalisierung des Tanzes als Mittel der Selbstdarstellung und der poli-
tisch-gesellschaftlichen Normierung und Reglementierung lässt sich besonders im Ver-
lauf des 17. Jahrhunderts in einer besonderen Ausprägung beobachten, die einen ihrer
Höhepunkte in der Regierungszeit dieses Monarchen fand.17 Allgemein bekannt ist,
dass der 15jährige König, selbst ein ausgezeichneter Tänzer, seine ›Regierungserklä-
rung‹ bei seinem Amtsantritt in der Rolle des griechischen Gotts des Lichts und der
Künste Apollon tanzte. Nicht zuletzt manifestierte sich in der Gründung der Akademie
auch der Wille des Königs, dieses für ihn so bedeutende Medium zu reglementieren, zu
akademisieren und damit letztendlich vor allem zu kontrollieren. Ergebnis dieser Aka-
demisierung ist neben der Anerkennung, die die Tanzkunst als Wissenschaft im Verlauf
des 17. Jahrhunderts erfuhr, auch die Entwicklung einer eigenen Tanznotation durch
den am Hofe Ludwig
XIV. wirkenden Musiker, Choreographen und Tänzer Pierre Beau-
champs. Über ihre Veröffentlichung 1700 im Tanztraktat Chorégraphie von Raoul Auger
Feuillet trug diese kodifizierte Notation wesentlich dazu bei, die französische Kunst des
höfischen Tanzes und den Kodex der Akademie europaweit zu etablieren.18 Im deut-
15 Dazu besonders Stocks 2000, S. 131–165, 204–212, 244; Schulze 2011, S. 241–243.
16 Auf den Diskurs zu diesem Poem kann an dieser Stelle nicht weiter eingegangen werden, verwiesen sei
auf Saftien 1994, S. 258–261; Schulze 2011, S. 43–66.
17 Tendenziell ist diese Entwicklung schon in der burgundischen und italienischen Hofkultur sowie am
englischen Hof unter Elisabeth
II. vorbereitet. Dazu u.
a. weiterführend: Braun
/
Gugerli 1993, S.
15–35;
Schulze 2011, S. 241–248.
18 Siehe Feuillet 1700. Eine englische Ausgabe erfolgt durch Weaver 1706. Feuillet veröffentlichte die
Tanznotation ohne Bezug auf Beauchamp zu nehmen, was einen jahrelangen Prozess nach sich zog.
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Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
Hof – Oper – Architektur
- Title
- Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
- Subtitle
- Hof – Oper – Architektur
- Authors
- Margret Scharrer
- Heiko Laß
- Editor
- Matthias Müller
- Publisher
- Heidelberg University Publishing
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-3-947732-36-4
- Size
- 19.3 x 26.0 cm
- Pages
- 618
- Keywords
- Kunstgeschichte, Architektur, Oper, art history, architecture, opera
- Category
- Kunst und Kultur