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L’Architecture dansante – Tanz, Geometrie und Raum in der höfischen Festkultur
um 1700
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schen Sprachraum war es besonders Gottfried Tauberts Rechtschaffender Tantzmeister
(1717), der diesen Prozess weiterbeförderte. Laut Taubert, der den Kodex der Akademie
vertrat, wird der Tanz »durch harmonische und symmetrisch regulierte ernsthaffte Be-
wegungen derer Füße, Arme und des ganzen Leibes, Mores, Actiones, Passiones, &c.
exprimieret«.19 Bei dem wenige Jahre zuvor veröffentlichten Tanztraktat von Johann
Pasch heißt es explizierter:
»wahre Tantz-Kunst ist in Theoria eine Wissenschafft / welche dem Triebe der Natur
[…]
(per disciplinas Philosophicas) solche Regeln setzet oder giebet / damit diese Bewegun-
gen in Praxi (in specie per disciplinas Mathematicas) vernünfftig / und also recht natür-
lich und menschlich verrichtet /
und zu einem andern nützlichen Gebrauche angewendet
werden können.«20
Der Aspekt der Körperbeherrschung und Körpersprache in streng reglementierten und
stilisierten Figuren und Gesten spiegelt am Ende das gleiche Bedürfnis nach Proportion
und Ordnung in der Bewegung, wie es in der gleichzeitigen Architekturtheorie für den
starren Baukörper formuliert wurde.21
Die Tanzhistorikerin Claudia Jeschke hat in diesem Zusammenhang auf eine zu-
nehmende Dynamisierung in der Präsentation des Körpers im Verlauf des 17.
und frü-
hen 18.
Jahrhunderts verwiesen und drei Inszenierungsweisen unterschieden, die einer
Modifikation vom ›geometrischen Körper‹, über den ›mechanistischen Körper‹ hin
zum ›instrumentalen Körper‹ folgen.22 Mit dem Ausbau des Bewegungs- und Darstel-
lungsvokabulars, der Einführung ›asymmetrischer‹ Körperpositionen und Figuratio-
nen Anfang des 18. Jahrhunderts wurde der durch Raum und Geometrie bestimmte
enge Bewegungsradius der Tänzer aufgehoben. Eine zentrale Figur dieser Entwicklung
war der Choreograph Jean Georges Noverre, der Mitte des 18.
Jahrhunderts das Hand-
lungsballett mitbegründete, welches mit den Tänzern Nicolas Blondy, den Tänzerinnen
Françoise Prévost, Marie-Anne Camargo und Marie Sallé seine europaweit prominen-
ten Protagonisten fand.23 Die Orientierung an den ›natürlichen‹ Körperhaltungen anti-
ker Plastiken bedingte u. a. den Wegfall des starren Kostüms und gab damit der vorher
stets unbeweglich gerade gehaltenen Körperachse des Oberkörpers mehr Bewegungs-
spielraum. Auf satirische Weise hat William Hogarth in seiner Stichserie zu Analysis of
Beauty (1753) den Tanz und die Figur des Tanzmeisters für eine Kritik des konservati-
ven Körperideals verwendet (Abb. 3 und 4).
19 Taubert 1717, S. 962.
20 Pasch 1717, S. 16. Siehe dazu Woitas 1996, S. 71.
21 Auf eine genauere Darstellung kann hier nicht weiter eingegangen werden. Allgemein sei verwiesen
auf Krufft 1985, S. 144–157.
22 Jeschke 1996, S. 85–106.
23 Dazu weiterführend besonders Liechtenhan 1998.
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Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
Hof – Oper – Architektur
- Title
- Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa
- Subtitle
- Hof – Oper – Architektur
- Authors
- Margret Scharrer
- Heiko Laß
- Editor
- Matthias Müller
- Publisher
- Heidelberg University Publishing
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-3-947732-36-4
- Size
- 19.3 x 26.0 cm
- Pages
- 618
- Keywords
- Kunstgeschichte, Architektur, Oper, art history, architecture, opera
- Category
- Kunst und Kultur