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DieauchMuslimeneigeneLogikeinerReinigungvonOrtendurchBlutoder
SühnevonVergehendurchdenTod48wiezumBeispielbeiderWiedereroberung
von al-Quds 118749undAkkon 129150macht die spezifische Sicht auf dasGe-
schehen aus und solche Texte zitierwürdig. Ohne dieAbscheu vor derGewalt
und der Freude mancher Chronisten daran zu verlieren, muss die Einsicht
wachsen,dasszurGewalteindämmungauchdieLogikenderGewalttäterunddie
kulturellenVerankerungenvonGewalt adressiertwerdenmüssen.
Die»Orientalisierung«derFranken
Dasses lautFulcher vonChartresbereits »um1100«, baldnachderEroberung
Jerusalems, zum »friedlichen Zusammenleben von Christen und Muslimen
kam«, hätte bei der Redaktion von entdecken und verstehen stutzig machen
müssen.51Auch die Angabe »1110« inGeschichte Real ist falsch52, da sich der
GeistlicheaufeineSonnenfinsternis1124bezieht.Überdiesollemansichnicht
wundern,weilGott aufErdennochgrößereWunder tue:
Betrachtetundbedenkt,wieGottzuunsererZeitdenWestenindenOstenverwandelt
hat.WirwarenAbendländerundsindzuMenschendesMorgenlandes gemachtwor-
den.WerRömeroderFrankewar, isthierGaliläeroderBewohnerPalästinas.Weraus
ReimsoderChartreswar,wirdzumBürgervonTyrusoderAntiochia.Wirhabenschon
unsere Geburtsorte vergessen. Denmeisten sind sie nicht mehr bekannt, oder we-
48 ReginaGünther(Hg.): IbnDschubair:TagebucheinesMekkapilgers,Stuttgart:Thienemann,
1985, 50–56:ÜberdasRoteMeernachDschidda (1183), 55: »DieLänderGottes, die es am
ehesten verdienen, durch das Schwert gereinigt zu werden und deren Unreinheiten und
Makel durch Blutvergießen für die Sache Gottes fortgewaschen werden sollten, sind die
LänderderArabischenHalbinsel.Dennsiesindes,diedieGebotedesIslamlockernundden
BesitzunddasBlutderPilgernichtachten.[…]GottmögediesbaldausgleichenunddenOrt
reinigen, indem er diese schändlichen Ketzer unter denMuslimen vernichtet durch das
SchwertderAlmohaden,derVerteidigerdesGlaubens,derParteiGottes,derVerfechterdes
RechtsundderWahrheit.«
49 Gabrieli,DieKreuzzügeausarabischerSicht, u.a. 195:Sala¯had-Dı¯nsSekretär Ima¯dad-Dı¯n
[12. Jh.]: »Der IslamwarbumdieBraut Jerusalem […,] umdieKlanghölzer der Christen
verstummenundden islamischenGebetsrufwieder erschallenzu lassen,umdieHanddes
UnglaubensmitderRechtendesGlaubensvonihmzuentfernen,umesvonallemSchmutz
jenerGeschlechterzusäubern,vonderBesudelungdurchdieseNiedrigstenderMenschen,
umdie Gemüter zum Schweigen zu bringen durch das Verstummenlassen der Glocken.«
50 Ebd.,409Abu’l-Maha¯sin[15.Jh.]»Esistwunderbarzusehen,daßGottderErhabeneAkkon
amgleichenTagundindergleichenStundezurückerobern ließ, inderesauchdieFranken
genommen hatten […]; der Sultan gewährte den Franken Sicherheit und ließ sie dann
umbringen, wie es die Frankenmit denMuslimen getan hatten; so rächte sich Gott der
Erhabenean ihrenNachkommen.«
51 EntdeckenundVerstehen2[/3], 25.
52 GeschichteReal 2, 36.
HansjörgBiener148
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY
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Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern
Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
- Title
- Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern
- Subtitle
- Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
- Authors
- Roland Bernhard
- Susanne Grindel
- Felix Hinz
- Editor
- Christoph Kühberger
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-0686-6
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 294
- Category
- Lehrbücher