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seien.63Eine tiefergehende Interpretation derKarikatur als Quelle imKontext
ihrer Entstehungszeit findet jedoch nicht statt, auch keine Reflexion über die
enthaltenenkulturellenZuschreibungen, zumBeispieldarüber, inwieferndiese
Zuschreibungen Trennendes überzeichnen und dabei im Gegenzug Einendes
innerhalbder jeweiligenSprachgruppenebensoüberzeichnen.
Einige Lehrmittel thematisieren die unterschiedlichen Sympathienmit den
kriegführendenNachbarländern explizit als problematisch für die schweizeri-
scheNeutralität. Soheisst es etwa:
Die Neutralitätspolitik eines Staates verlangt vom einzelnen Bürger keine ›neutrale
Gesinnung‹; dieser darf Sympathien der einen oder andern Kriegspartei zuwenden.
Entwickeln sich allerdings in einzelnen Landesteilen unterschiedlich ausgerichtete
Kollektivsympathien, so können der politische Kurs des Staates und die innere Ge-
schlossenheit derBevölkerung inFragegestelltwerden.64
Oder:»Neutralitätsverletzungenlagen[…]umsonäher,alsdieDeutschschweiz
in erster LinieDeutschland, dieWelschschweiz in erster Linie Frankreich den
Siegwünschte.«65Daneben führen etliche Lehrmittel namentlich dieDeutsch-
freundlichkeit verschiedener politischer undmilitärischerAkteure als proble-
matisch an.66AndereLehrmittel behandeln zwardenGraben imKontext einer
VerflechtungzwischenderSchweizunddemAusland,bringenihnjedochnicht
explizit namentlich inZusammenhangmitdemThemaNeutralität.67
Neben den Sympathienmit denNachbarländern stellen die Lehrmittel als
eine zweite FormderVerflechtung der Schweiz wirtschaftliche Verbindungen
bzw.diewirtschaftlicheAbhängigkeitderSchweizvomAuslanddar.Allerdings
werdendieseVerflechtungen imGegensatz zudenkulturell bedingtenSympa-
thiennichtexplizitalsproblematischimHinblickaufdieNeutralitätdesLandes
thematisiert. Dieser Befund entspricht der von Konrad Kuhn und B8atrice
Ziegler festgestellten Abwesenheit dieser Verknüpfung im »dominanten Nar-
rativ«derGeschichtsschreibung.68
Auffallend ist allerdings, dass durchaus eine umgekehrte Argumentations-
kette auftaucht. So wird von manchen Lehrmitteln nicht eine Einbusse an
NeutralitätaufgrundvonwirtschaftlicherZusammenarbeit festgestellt, sondern
gerade imGegenteil habees eineEinbusse anWirtschaftsfreiheit aufgrundder
Neutralität gegeben. So etwa: »DerPreis derNeutralitätwar alsodie verlorene
63 Meyeru.a.,DieSchweizundihreGeschichte,93;Bonhageu.a.,HinschauenundNachfragen,
40.
64 Meyeru.a.,DieSchweizund ihreGeschichte, 93f.
65 BühlerundUtz,Weltgeschichte imBild9, 105.
66 Ebd.;Meyeru.a.,DieSchweizund ihreGeschichte, 94;Thurnherr,GeschichteunsererZeit.
ErsterWeltkrieg, 58.
67 Bonhageu.a.,HinschauenundNachfragen, 39.
68 KuhnundZiegler,DominantesNarrativ, 129.
JuliaThyroff172
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY
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Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern
Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
- Title
- Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern
- Subtitle
- Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
- Authors
- Roland Bernhard
- Susanne Grindel
- Felix Hinz
- Editor
- Christoph Kühberger
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-0686-6
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 294
- Category
- Lehrbücher