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DievisuelleNarration
Bilder sind mehr als dokumentarische Abbildungen, die Geschichte passiv
wiedergeben. Sie vermögenEmpfinden,DenkenundHandelnderBetrachten-
denanzurühren.»EinBildakt schafftFakten, indemerBilder indieWelt setzt«
(Horst Bredekamp). Bilder können eine eigene Wirklichkeit erschaffen und
Geschichte machen. Als Bestandteil kommunikativen Handelns sind sie un-
trennbar undwirkungsmächtigmit denhistorischenAbläufenverbunden. Sie
sind auch Belege für die Zielsetzung ihrer Darstellung. Im Sinne der Visual
Historymussmandaher zurFörderungderbildhistorischenKompetenzen im
Geschichtsunterricht nicht allein die Entstehungsgeschichte eines Bildes und
seine Bedeutung als historisches Dokument untersuchen, sondern darüber
hinausmussman seine ikonischeMacht und den sinnstiftenden Prozess be-
trachten, der durch die Veröffentlichung einsetzte, der Bedeutungen konstru-
ierte, der Narrationen erzeugte und der zu Handlungen mobilisierte. Das
schließt auchdieAnalyse aktueller Bildpraxen inder gegenwärtigenmedialen
Alltagskultur der Schülerinnen und Schüler mit ein, nicht zuletzt um deren
kritischesBewusstseinunddiehistorischeOrientierungzu fördern.34»Waswir
vom Nationalsozialismus wissen, das wissen wir zuerst durch Bilder.«35 Die
visuelleDarstellungvonHitlers erstemSpatensticham23.September1933am
Streckenabschnitt Frankfurt amMain/Main-Süd –Darmstadt (Abb.3), ist als
»Gründungsakt« in die mythische Bilderwelt des kollektiven Gedächtnisses
übergegangen.
Aus einer Lore wurde Erde ausgeschüttet, die Hitler bei der theatralisch
durchorganisiertenVeranstaltung zum Start des Autobahnbaus am südlichen
Mainufer persönlichmit demSpaten »verarbeitete«.Währenddessen entstand
eineganzeFotoserie ausverschiedenenPerspektiven.36DasFotostellt denHö-
hepunktderStilisierungHitlersalszupackenden»erstenArbeiterseinesVolkes«
dar und die Pressepropaganda verwendete es vor allem auch als Instrument,
überdassichdieArbeiterschaftmitdemRegimeidentifizierenkonnte.Dennder
»Spatenstich«wurde zumSymbol der persönlichenWertschätzungderHand-
arbeitundAufbauleistungjedeseinzelnenArbeitendenundzumZeichendafür,
34 Vgl. Gerhard Paul, »Visual History undGeschichtsdidaktik – GrundsätzlicheÜberlegun-
gen«, in:Zeitschrift fürGeschichtswissenschaft12 (2013), 9–26, 15.
35 Hans-UlrichThamer,»MachtundWirkungnationalsozialistischerBilder«,in:StiftungHaus
derGeschichte der BundesrepublikDeutschland (Hg.),Bilder imKopf. Ikonender Zeitge-
schichte,Köln:DuMont, 2009, 18–29, 20.
36 VonderNS-Propagandawurdeeine fast zeitgleicheMomentaufnahmemiteinemkleineren
Szenenausschnitt vonHeinrichHoffmannverbreitet, die auch heute häufig inUnterricht-
materialienverwendetwird.DortsiehtmandieaufderlinkenSeiteamSchaufelnbeteiligten
ArbeiternichtundHitlerstehtalleineimMittelpunktderHandlungals»ArbeiterderFaust«.
DerMythosvonderReichsautobahn 229
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Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern
Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
- Title
- Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern
- Subtitle
- Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
- Authors
- Roland Bernhard
- Susanne Grindel
- Felix Hinz
- Editor
- Christoph Kühberger
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-0686-6
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 294
- Category
- Lehrbücher