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alsMetaphern für gefestigteVorstellungenundDeutungen derVergangenheit
(JörnRüsen) verstehenund siewirken als formendeKräfte innerhalb der Er-
innerungskulturen.Geschichtsbilder sindwieMythenstetsProdukte ihrerZeit
und ihres Ortes. Aus demFundus desHistorischenwerden Bruchstücke her-
ausgegriffen. Es geht dabei nicht um ein sorgsamesDeliberieren des Für und
Wider, sondernumdieVerheissungen aus denErzählungenmit demZiel, die
politischenKräfte zumobilisierenund zubündeln sowieEntscheidungen ein-
zuleiten.10
KalterKriegundeinneuesBedrohungsgefühl
HistorikerinnenundHistorikersindsichheuteweitgehendeinig,dassderKalte
Kriegdie Schweiz zueiner geschlossenenAbwehrgemeinschaft verschmolz, so
wiesieselbstwährenddesfürdasLandweitbedrohlicherenZweitenWeltkrieges
nichtexistierte.DerKalteKriegmit seinermanichäischenGrundstrukturhatte
eine wichtige innergesellschaftliche Funktion und band die divergierenden
Kräfte aufderbürgerlichenundder sozialdemokratischenSeite ein.
Offensichtlichwarauch,dassdiepolitischeElite aufdasFeindbildKommu-
nismussetzte, zumal es ihrermöglichte, einepassiveAußenpolitik imSchatten
des westlichen Bündnisses zu praktizieren und einen angeblich oder ver-
meintlichen autonomen Kurs zu fahren. Kritiker und Intellektuelle, wie der
LiteratMaxFrischoderderZeithistorikerJeanRudolfvonSalis,hattendagegen
einen schweren Stand, wenn sie ihr Unbehagen im Kleinstaat Schweiz zur
Sprache brachten. Die Bedrohungsangst vor dem Kommunismus wurde von
vielenMenschen geteilt. In der Schweiz herrschten, so das heute breit geteilte
Urteil, überzeichnete Vorstellungen von der Bedrohung aus demOsten. Nach
1948drangderdualistischGutundBöseunterscheidendeAntikommunismusin
alleLebensbereichevorundwurdezueinerArtRichtschnur fürdaspolitische
Denken,PlanenundHandeln.Kritikermachtendennauch»totalitäre«Züge in
der Gesellschaft aus. Von Salis mahnte in einer Rede 1961, die später veröf-
fentlichtwurde: »Manbekämpftdie Inquisitionnichtdurchdie Inquisition«.11
KonradJ.KuhnundB8atriceZiegler(Hg.),DervergesseneKrieg.SpurenundTraditionenzur
Schweiz imErstenWeltkrieg, Baden:hier+ jetzt, 2014, 153–163, 154f.
9 Vgl. Markus Furrer, »Geschichtsbilder in Migrationsgesellschaften«, in: Charlotte Bühl-
Gramer u.a. (Hg.),Antike – Bilder –Welt. Forschungserträge internationaler Vernetzung,
Elisabeth Erdmann zum 70.Geburtstag, Schwalbach/Ts.: Wochenschau Verlag, 2013,
217–232, 225.
10 Vgl.HerfriedMünkler,»DiepolitischenMythenderDeutschen«,in:Blätterfürdeutscheund
internationalePolitik51, 2 (2007), 160–172, 171.
11 JeanRudolf vonSalis, »Die Schweiz imKaltenKrieg.Referat an einerTagungdesPhilipp-
Mythen imKaltenKrieg.DasBeispiel Schweiz 249
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Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern
Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
- Title
- Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern
- Subtitle
- Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
- Authors
- Roland Bernhard
- Susanne Grindel
- Felix Hinz
- Editor
- Christoph Kühberger
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-0686-6
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 294
- Category
- Lehrbücher