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EinmalinGanggesetzt,ergabsicheineArtZirkelschlussdesFeindbildes,das
nach neuen Maßnahmen im Bereich der Verteidigung rief. Diese Politik
durchzogdiegesamteDauerdesKaltenKrieges.VerbreitetwardasGefühleines
möglichenKriegsausbruches, der sich gleich einemFunken imPulverfass ent-
zünden könnte. Insbesondere die frühe Nachkriegszeit war von zwei grund-
sätzlichenMerkmalengeprägt–der lähmendenAngstvorderAtombombeund
der beflügelndenAussicht, verbundenmit einem spezifischen Fortschrittsop-
timismus, auf bessere Lebensbedingungen.Diesen Sachverhalt bringenHisto-
rikerinnenundHistoriker auchmitdemDreiecksverhältnis vonKonsum,Kal-
tem Krieg und Konsens zusammen.12 An der Landesausstellung »Expo« in
Lausanne1964wurdedieFragegestellt: »WiekanndasLandeinenAtomkrieg
überleben?«Die zeitgenössischeAntwortbotder »Betonigel«, einArmeepavil-
lon, der die Wehrhaftigkeit demonstrierte. Im Eingangsbereich fanden sich
zerschossene Stahlplatten, die auf dieWucht der Zerstörung in einemKrieg
hinwiesen, während dasUntergeschoss der »Festung Schweiz« Sicherheit und
Geborgenheit suggerierte. Stimuliert wurde dabei eine permanenteWehrbe-
reitschaft, die zeigensollte, dassderKleinstaat alleinüberlebenkönne.13
AlsweitereFolgezeigte sich,dassdieFurchtvordemKommunismusgrosse
Teile des Bürgertums dazu bewog, der Schweizer Bevölkerung insgesamt eine
starkeVerbesserungihrerLebensverhältnissezuzugestehenunddenAufbaudes
Sozialstaates inKonkurrenzmitdemsozialistischenModell voranzutreiben.
DerAntikommunismusunddieMythenbildung
UmdieMythenbildunginderEpochezuerfassenundzudeuten, istessinnvoll,
das PhänomendesAntikommunismus hier kurz näher zu erläutern.Mythen-
bildung und Antikommunismus bedingen sich gegenseitig. Die öffentliche
Meinungwar denn auch ein zentraler Faktor imKaltenKrieg undderenMo-
bilisierungeinerklärtesZielundauchGrundlage,umdenKonfliktaustragenzu
können.Dasgalt fürbeideSeiten,wiediesBerndStöverherausgearbeitethat.14
DochwendenwirunsvorerstderFragezu:Was istderAntikommunismus?
Albert-Stapfer-Hauses inLenzburg(1961)«, in:ders. (Hg.),SchwierigeSchweiz.Beiträgezu
einigenGegenwartsfragen, Zürich:Orell Füssli, 1968, 187–205, 199.
12 WalterLeimgruber,»DieSchweizzwischenIsolationundIntegration«,in:ders.undGabriela
Christen (Hg.),Sonderfall?Die Schweiz zwischenR8duitundEuropa.Begleitband, Zürich:
SchweizerischesLandesmuseum,1992, 18–33.
13 ArnoldKünzli, »DieNeurose des Igels«, in:Walter Biel u.a. (Hg.),Expo 64: Trugbild der
Schweiz,Basel:BasiliusPresse, 1964, 35–49.
14 Bernd Stöver,DerKalteKrieg. Geschichte eines radikalenZeitalters 1947–1991,München:
C.H.Beck, 2007, 429.
MarkusFurrer250
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY
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Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern
Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
- Title
- Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern
- Subtitle
- Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
- Authors
- Roland Bernhard
- Susanne Grindel
- Felix Hinz
- Editor
- Christoph Kühberger
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-0686-6
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 294
- Category
- Lehrbücher