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Dieser, so eine Zugangsmöglichkeit, lässt sich als »Einstellung« und »Vorstel-
lung«begreifen,15geprägtvonWerten,GlaubensinhaltenundMythen. Ineinem
gewissen Sinne, wobei diesbezüglich auch Widersprüche geltend gemacht
werden,lässtersichalseineArt»Ideologie«einstufen.Demwidersprichtjedoch
die fehlendeKonsistenz,welche Ideologien an sich ausweisen.AufMythenge-
gründet,nährt sichdieantikommunistische»Ideologie«auseinerVielzahlvon
Trugbildern und irrationalenÄngsten und dem Schaffen eines absolutenGe-
genmodellszumKommunismus.DabeibleibtderBegriffsoschillernd,wieauch
der Kommunismus selbst schillernd ist. Antikommunismus umfasst folglich
eineVielzahl vonKomponenten, Realitäten,Motiven,ökonomischen, philoso-
phischen und religiösen Einstellungen, die untereinander oft divergieren und
auchvonpolitischenGruppenvonder extremenLinkenbis hin zur extremen
Rechtenunterschiedlichbesetztwerden.
Zeitlich lässt sich der Antikommunismus von der Mitte des neunzehnten
JahrhundertsbiszumEndedesKaltenKriegesverorten.Erdientevorallemder
Identitätsbildung und wirkte als Instrument zur Legitimierung von sozialem
Konformismus.Damit isteingewichtigerGrundfürdessenErfolg inderrelativ
dochpunktuell fragilen schweizerischenGesellschaft angesprochen. Insbeson-
dere imZeitalterdesKaltenKriegesdiente erder innerenStabilisierung sowie
der gesellschaftlichen Integration. Auf das politische Paradigma des Klassen-
kampfes, der bis in die Zwischenkriegszeit wirkte, folgte jenes derVerteilung
undderKonsenssuche,wiesiefürdieNachkriegsjahrzehntebestimmendwaren.
Diehochkonjunkturelle Entwicklungwar eineVoraussetzung, die diese gesell-
schaftliche Entwicklung vorangetriebenhatte, der innereDruckwar einewei-
tere: EinerderZweckedesAntikommunismuswardieEinschüchterungdurch
Amalgamierung allen (linken) oppositionellenHandelns; erwirkte dabei stig-
matisierend und stimulierte eine Berechenbarkeit durch eine Zweiteilung der
Welt undaller politischer Fragen.Damit erklärt sich auchdie grosse antikom-
munistischeÜbereinstimmung in der Schweiz. Diese basierte auf einer dop-
peltenRepräsentationeines innerenundeines äusserenFeindesundwirkte so
alsnationalerKitt ineinerSchweiz,diesichüberihreIdentitätunsicherwarund
mehrnochalsdenKommunismusumihreEinheit fürchtete.16
1945/46wurdefolglichkeinegrundlegendneueHaltungentwickelt,vielmehr
fand eine Rückkehr zu altenVerhältnissen, demAntibolschewismus der Zwi-
schenkriegszeit, statt. Dominantwirkte inder Schweiz einwertbasierterAnti-
kommunismus (bürgerliche, religiöse u.a. Kreise sahen die Grundwerte der
15 BrigitteStuder,»Antikommunismus«, in:HistorischesLexikonderSchweiz:http://www.hls-
dhs-dss.ch/textes/d/D27836.php, zuletzt geprüft am7.September2016.
16 FranÅoisFayet,»IstAntikommunismustagtäglicheinGegenstandderGeschichtsforschung?
DasBeispielderSchweiz«, in:MichelCaillatu.a.(Hg.),Geschichte(n)desAntikommunismus
inderSchweiz, Zürich:Chronos, 2009, 23–36, 31.
Mythen imKaltenKrieg.DasBeispiel Schweiz 251
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Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern
Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
- Title
- Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern
- Subtitle
- Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
- Authors
- Roland Bernhard
- Susanne Grindel
- Felix Hinz
- Editor
- Christoph Kühberger
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-0686-6
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 294
- Category
- Lehrbücher