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engderSpielraumeinesNeutralenimOst-West-Konfliktüberhauptgewesenwar
und welche Kompromisse die Schweiz als »westlicher Neutraler« eingehen
musste. Im sogenannten Hotz-Linder-Abkommen (1951) akzeptierte die
Schweizmassive, vondenUSAauferlegte, handelsrechtlicheEinschränkungen
mitOsteuropa. TrotzdemwurdedieNeutralität alsMaximeweiterhinhochge-
halten.Damitüberdecktemandie eingeschränktekleinstaatlicheSouveränität.
Neutralitätsbezüge werden in Lehrmitteln für Geschichte sowie Staatskunde
prominent gemacht. Im Zusammenhangmit Kapiteln über den Kalten Krieg
wirddenn auchdieNeutralität des Landes betont. Als »individuelle Eigenart«
trittsieimSchulbuchvonMeyer1974auf;30als»immerwährendeNeutralität«ist
sie im öffentlichen Diskurs verbreitet anzutreffen. Der Staat übte hierbei di-
rektenEinflussaufdieGeschichtsschreibungseinerNeutralitätbis indie1970er
Jahreaus.31LehrmittelundstaatlicheNeutralitätsdoktrin lagendabeinichtweit
auseinander. In den Lehrmitteln wird, trotz einer klarenWestpositionierung,
den Supermächten die Schuld amKonfliktausbruch gegeben: »BeideMächte
treiben imperialistischeWeltpolitik. Russlandkreuzt imMittelmeer auf.Ame-
rikakontrolliertdenPazifikundsetztsichimFernenOstenfest. ImVolksmund
sagtman: Es istHanswasHeiri!«32Prominent vertreten sindneutralitätspoli-
tischeBezügeindenStaatskundelehrmittelnderZeit. InsbesondereimZeitalter
desKaltenKriegesbildetedie»bewaffneteNeutralität«einnichthinterfragbares
Prinzip.NeutralitätspolitikundderAppell füreinestarkeArmeegehenHandin
Hand.33DieNeutralitätwirddennauchmythologisiert, soetwamitdemBezug
zur Schlacht vonMarignano (1515), wo sich die Eidgenossen aufGrund ihrer
heroischenNiederlage und inder angeblichenErkenntnis ihrerÜberdehnung
zumRückzugundzurPraktikderNeutralität entschiedenhabensollen.
Wehrhaftigkeitsmythos (z.B.WinkelriedunddieRéduit-Schweiz)
DerDiskursder»totalenBedrohung«zogsichweiter vomZweitenWeltkrieg in
denKaltenKrieghinein. Sowurdeaucheine »totaleLandesverteidigung«pro-
klamiert. Propagiert und hochgehaltenwurde das Bild vomwehrhaften Bür-
gersoldaten.NiezuvorinderGeschichtederSchweizwarenderartvieleMänner
bisinspäteLebensphasenindenMilitärdiensteinbezogen.34DieR8duit-Festung
30 Meyer,Wirwollen frei sein,383.
31 Sacha Zala, »Geltung undGrenzen schweizerischenGeschichtsmanagements«, in:Martin
Sabrowu.a. (Hg.),Zeitgeschichte als Streitgeschichte. GrosseKontroversen seit 1945,Mün-
chen:C.H.Beck, 2003, 306–325, 308.
32 Meyer,Wirwollen frei sein,338.
33 Furrer,DieNation imSchulbuch,223.
34 Vgl. BrunoWägli,DieSchweizerischenMilitärminister von1848–2008.EinBeitrag zurGe-
MarkusFurrer256
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY
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Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern
Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
- Title
- Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern
- Subtitle
- Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
- Authors
- Roland Bernhard
- Susanne Grindel
- Felix Hinz
- Editor
- Christoph Kühberger
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-0686-6
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 294
- Category
- Lehrbücher