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dieSchulbücherdemVorhandenseineineraufdieSchaffungeinesdauerhaften
Friedens gerichteten geistigenBewegung im18. JahrhundertRechnung tragen
(Leibniz,Abb8deSt.Pierre,Kant)«26oder:
Eswird fürwünschenswert gehalten,daßmandie langeZeit friedlicherBeziehungen
zwischen der französischenunddendeutschenRegierungenvon 1815 bis 1859 her-
vorhebt.GroßeTeiledesdeutschenBürgertumshabendamalsmitdenliberalenIdeen
derFranzösischenRevolutionsympathisiert […].27
DieVereinbarung zielt somit auf eine Einigungüber bzw.Annäherung in den
NarrativenzureuropäischenGeschichte.
Indemdienach1969erschienenenSchulgeschichtsbücherdenAkzentjedoch
auf die »jahrhundertelangen« kriegerischen Auseinandersetzungen setzen,
missachten sie folglich diese Vereinbarungen. Dies könnte durchaus Anlass
geben, die Erzählung vomElys8e-Vertrag als gezielt formuliertenGründungs-
Mythos zubetrachten.
Ein weiteres Beispiel wäre die Entstehung der Städtepartnerschaften, als
deren Ursprung der Vertrag von 1963 gerne gesehen wird. Jüngere Untersu-
chungen belegen aber, dass es bereits lange vor 1963 Bestrebungen für die
Einrichtung solcher Partnerschaften gab. Laut Alexander Meuschke, der die
Partnerschaft zwischenEinbeckundThiaisuntersuchthat, gehendieKontakte
zwischendenbeidenStädtenunddieBemühungenumeineStädtepartnerschaft
bereits auf 1956 zurück, Akteure waren insbesondere Sportvereine und Ju-
gendgruppen, und der Partnerschaftsvertrag wurde bereits im Juni 1962 un-
terzeichnet.ZuähnlichenErgebnissenundErkenntnissenkamenvorMeuschke
weitaus prominenter auchCorineDefrance, JürgenDierkes und andereAuto-
rinnenundAutoren.28
Ganz zu schweigenvonden zahlreichen intellektuellenKontaktenundpoli-
tischenBemühungenderZwischenkriegszeit, die hier nicht imEinzelnen auf-
geführtwerdenkönnen.ErinnertseinurandenFriedensnobelpreisfürAristide
BriandundGustavStresemann,dieVortragsreisenPaulDistelbarths29sowieden
26 Ebd.,4.
27 Ebd.,5.
28 Alexander Meuschke,Möglichkeiten und Grenzen der Institution »Deutsch-französische
Städtepartnerschaften«amBeispielvonEinbeckundThiais.UnveröffentlichtesManuskript
(Wissenschaftliche Abschlussarbeit für das Erste Staatsexamen), Kassel, 2014; Corine
Defrance, »Les premiers jumelages«, in: Lendemains 84 (1996), 83–95; Corine Defrance,
MichaelKißenerundPiaNordblom(Hg.),WegederVerständigungzwischenDeutschenund
Franzosen nach 1945. Zivilgesellschaftliche Annäherungen, Tübingen: Narr Verlag, 2010;
JürgenDierkes, »Freundschaft ohneGrenzen?DieStädtepartnerschaft Borgentreich–Rue
(1986)«, in:Defrance,KißenerundNordblom(Hg.),WegederVerständigung, 237–253.
29 Vgl.dazuPaulH.Distelbarth,DasandereFrankreich.AufsätzezurGesellschaft,Kulturund
Politik Frankreichs und zu den deutsch-französischen Beziehungen 1932–1952.Mit einer
ChristinePflüger272
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY
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Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern
Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
- Title
- Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern
- Subtitle
- Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
- Authors
- Roland Bernhard
- Susanne Grindel
- Felix Hinz
- Editor
- Christoph Kühberger
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-0686-6
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 294
- Category
- Lehrbücher