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Hauptstaatsarchiv, Klosterfaszikel 353/35, 188 folii). An diesem arbeitete sie seit 1641. Es
gibt Einblick in das Alltagsleben des wirtschaftlichen Zentrums des St. Jakobsklosters, dem
Klosterhof und seiner Bediensteten, deren Aufgaben und Pflichten umfassend geschildert
werden, ebenso wie die Gebräuche und Usancen an Fest- und Feiertagen; breiter Raum
wird der Handhabung von Nahrungsmitteln und den Ernährungsgewohnheiten eingeräumt.
Rezepte aus der Klosterapotheke finden sich im Hausbuch gleichermaßen wie Rezepte zur
Herstellung von Lebzelten.
Von A. C. sind des Weiteren noch andere Schriftstücke erwähnenswert, die mit dem Drei-
ßigjährigen Krieg in Zusammenhang stehen. Zum einen ist das der Fluchtbericht von 1632
(München, Bayerisches Hauptstaatsarchiv, Dreißigjähriger Krieg Akten 315 fol. 1–15, ed.
Zwingler, Das Klarissenkloster, S. 1065–1070, Nr. 17). Da im April 1632 die Schweden vor
München standen, musste der Konvent die Stadt verlassen. Die Klarissen fanden Aufnahme
in Thurnfeld, dem Ansitz der Haller Stiftsdamen, wo sie vier Monate verblieben; ihre Zu-
fluchtstätte mussten sie mit Nonnen aus dem Ridlerkloster in München teilen. Angesichts
der strengen Klausur war dies für die Klarissen ein Jahrhundertereignis. Der Bericht bein-
haltet die Route der Hin- und Rückreise sowie die Schwierigkeiten, die die Flucht mit sich
brachte und die es zu bewältigen galt. In die Nöte in diesem Jahr und das Bemühen, ihre
Amtsführung von der Ferne aus zu bewerkstelligen, gibt auch der Briefwechsel zwischen
A. C. und dem Schaffner Michael Friedinger (München, Bayerisches Hauptstaatsarchiv,
Klosterfaszikel 393/1831) sowie Privatbriefe der Schwestern untereinander Einblick.
Zum anderen ist es eine kleine Kriegschronik zum Verlauf des Dreißigjährigen Krieges,
von dem Bayern besonders in den Jahren 1632–1634 und 1646–1648 durch Verwüstungen
betroffen war (München, Bayerisches Hauptstaatsarchiv, Klosterliteralien, München-An-
gerkloster, 16 fol. 230r–243v, ed. Zwingler, Das Klarissenkloster, S. 1065–1070, Nr. 21, ohne
den unmerklich veränderten Fluchtbericht von 1632 fol. 231v–255r). A. C. verzeichnet die
wichtigsten Ereignisse und spektakulärsten Vorgänge, die sie eigenständig reflektierend und
interpretierend zu einer Gesamtdarstellung komponiert und durch eine Beschreibung der
Kriegsfolgen und der großen Hungersnot, die Bayern nach dem Krieg heimsuchte; sie fügt
auch den Fluchtbericht in diesen Kontext nochmals ein. Unklar ist, wie sie zu ihren Infor-
mationen trotz der strengen Klausur kam, denn ihr zwar lückenhafter Bericht enthält keine
sachlichen Unrichtigkeiten. Mit ihrem Beitrag reiht sie sich unter andere 240 Selbstzeugnis-
se zu Ereignissen aus dem Dreißigjährigen Krieg ein. Ihre Darstellung hat sie ins Gültbuch
eingetragen entsprechend ihrer Intention, die sie in ihren wirtschaftlichen Aufzeichnungen
immer wieder bekundet, ihre Amtsnachfolgerinnen gut zu informieren.
Die kurzen Gebete, die sich in ihren Aufzeichnungen eingestreut finden, lassen eine Per-
sönlichkeit ohne persönliches Pathos aufscheinen. Obwohl aus ihrer Zeit im Kloster nichts
Wunderbares überliefert ist, erfuhr sie eine über das Kloster hinausgehende Wertschätzung
im Orden der deutschen Franziskanerprovinz und fand im 20. Jahrhundert Aufnahme als
Gottselige in das Werk „Bavaria Sancta“, das selige und besonders gottesfürchtige Frauen
und Männer in Bayern verzeichnet. Demnach muss sie eine Persönlichkeit von nachhalti-
gem Eindruck gewesen sein.
L.: Weitlauff 1973, Zwingler 2009, Zwingler 2011
Ingrid Roitner
biografiA.
Lexikon österreichischer Frauen, Volume 1, A – H
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- biografiA.
- Subtitle
- Lexikon österreichischer Frauen
- Volume
- 1, A – H
- Editor
- Ilse Korotin
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2016
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79590-2
- Size
- 17.4 x 24.5 cm
- Pages
- 1422
- Category
- Lexika