Page - 2808 - in biografiA. - Lexikon österreichischer Frauen, Volume 3, P – Z
Image of the Page - 2808 -
Text of the Page - 2808 -
S |
Sailer2808
Sailer Erna, geb. Zaloscer; Juristin, Botschafterin und UN-Beamtin
Geb. Bihać, Bosnien-Herzegowina, 17. 5. 1908
Gest. Wien, 17. 5. 2004
Herkunft, Verwandtschaften: E.s Vater Dr. Jakob Zaloscer (geb. 1869) war Rechtsanwalt,
ihre Mutter Bertha, geb. Kalach, war eine begabte Pianistin, durfte jedoch als „höhere Toch-
ter“ (ihr Vater war Stabsarzt in der österreichischen Armee) ihre Neigung nicht zum Beruf
machen. Ihre ältere Schwester Hilde (1903–1999) studierte an der Universität Wien Kunst-
geschichte und machte eine Hochschulkarriere (sie zählte zu den bedeutendsten Kopto-
logIn nen), ihre zweite Schwester hieß Ruth, verehel. Gutmann.
E. S. wuchs in Banja Luka in einem großbürgerlichen Haushalt mit Gouvernante und
Chauffeur auf. „Dass wir Juden waren, wusste ich nicht“, schrieb ihre Schwester Hilde in
ihren Lebenserinnerungen über ihre Kindheit – die Familie war assimiliert, wenngleich der
Vater nicht bereit war, einem Staatsposten zuliebe zum Katholizismus überzutreten, und
daher Rechtsanwalt wurde.
Das Kriegsende 1918 brachte den ersten tiefen Einschnitt in ihrem Leben: der Vater, der
sich aus Patriotismus zum Kriegsdienst gemeldet hatte, rettete sich nach Wien
– in Banja
Luka hätte ihn Verhaftung und wahrscheinlich Hinrichtung erwartet; der Besitz wurde
größtenteils enteignet, Frau und Töchter erhielten den Ausweisungsbefehl und folgten dem
Vater nach Wien.
Ausbildungen: Der Existenzkampf in der Zwischenkriegszeit war schwer; dennoch wurde
den Töchtern der Besuch des Gymnasiums, Klavierunterricht und das Universitätsstudium
ermöglicht. E. S. entschied sich für das Studium an der Juridischen Fakultät der Universität
Wien, das sie 1931 mit dem Doktorat abschloss; darauf folgte bis 21. 5. 1932 die Gerichts-
praxis am OLG Wien. Nach ihrer Flucht in die U. S. A. absolvierte sie vom 1. 2. 1941 bis
1. 11. 1942 ein Studium der sozialen Fürsorge an der Columbia University of New York.
Viele Jahre später, als sie in den diplomatischen Dienst getreten war, legte sie 1971 auch noch
die Prèalable und Diplomatenprüfung ab.
LebenspartnerInnen, Kinder: Sie war seit 13. 4. 1933 mit Karl Hans Sailer (1900–1957)
verheiratet, einem führenden Funktionär der Revolutionären Sozialisten, der später in der
„Arbeiter-Zeitung“ (AZ) tätig war. Aus der Ehe stammt der Sohn John (Hans G., geb.
30. 11. 1937 in Wien, Kunstexperte, Gründer der Galerie Ulysses).
E. S. trat 1926 der SDAP bei. Sie beteiligte sich 1934 am Bürgerkrieg. Nach dem „Anschluss“
1938 gelang ihr mit einem falschen Pass die Flucht vor den Nationalsozialisten über die
Schweiz nach Frankreich; ihr Mann der unter Kanzler Kurt Schuschnigg inhaftiert worden
war, schlug sich zu Fuß in die Schweiz durch und ihr wenige Monate alter Sohn wurde ihr
von einer Freundin in die Schweiz nachgebracht. In Paris arbeitete sie bei einer Flucht-
hilfeorganisation mit. E.s Vater, der von den Nazis verhaftet worden war, konnte ebenfalls
nach Paris flüchten, wohin auch die Mutter folgte, die dort jedoch bald darauf starb. 1940
flüchtete die Familie vor den deutschen Truppen nach Südfrankreich, anschließend über
Spanien und Portugal nach New York – auf dem Schiff „Nea Hellas“, auf dem sich auch
Franz und Alma Werfel, Otto Leichter und viele andere bekannte Persönlichkeiten befan-
den. In New York gab Karl Hans Sailer ab 1942 gemeinsam mit Otto Leichter die Austrian
Labor Information, das Organ des Austrian Labor Committee heraus. Ca. einundeinhalb
biografiA.
Lexikon österreichischer Frauen, Volume 3, P – Z
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- biografiA.
- Subtitle
- Lexikon österreichischer Frauen
- Volume
- 3, P – Z
- Editor
- Ilse Korotin
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2016
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79590-2
- Size
- 17.4 x 24.5 cm
- Pages
- 1238
- Category
- Lexika