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338 Stefan Lehr mit einem Exkurs von Tomáš Borovský
nommen37. Mit dem neuen tschechischen Direktor Ladislav Klicman hatte er seit 1907
im Statthalterei-Archiv zusammengearbeitet. Kurz nach der Entstehung der Tschecho-
slowakei berichtete Klicman dem Ministerium, dass Pirchan sich vor dem Krieg zwar
gerne als in nationalen Fragen neutraler Wissenschaftler präsentiert, während des Krieges
seine Objektivität aber völlig verloren habe. Da er Mitglied mehrerer deutschnationaler
Organisationen und ein Freund des „Landeshauptmanns für Deutschböhmen“ Rudolf
Lodgman von Auen sei, der die Abtrennung der deutsch besiedelten Gebiete von der
Tschechoslowakei betreibe, könne er zu verschiedenen vertraulichen Arbeiten im Archiv
trotz seiner guten Tschechischkenntnisse nicht hinzugezogen werden38. Ungeachtet die-
ser kritischen Einschätzung waren die Beziehungen zwischen den beiden Archivaren in
der folgenden Zeit kollegial und Klicman kam Pirchan mehrmals wohlwollend entgegen.
Hierzu seien einige Beispiele angeführt. Pirchan hielt sich 1921 regelmäßig in Wien
auf, um Archivalien böhmischer Provenienz für die Prager Archive zu übernehmen.
Gleichzeitig lief sein Habilitationsverfahren an der Deutschen Universität Prag, über
dessen erfolgreichen Verlauf sich Klicman ihm gegenüber erfreut zeigte. Die Wiener
Aufenthalte konnte Pirchan dank Klicman zeitlich so gestalten, dass sie ihn bei seinen
Vorbereitungen auf die Habilitation nicht behinderten39. 1924 befürwortete Klicman
einen sechstägigen Diensturlaub, damit Pirchan am deutschen Historikertag in Frankfurt
am Main teilnehmen konnte40. Die Fürsprache eines Antrags auf finanziellen Zuschuss
an das zuständige Ministerium begründete er mit Pirchans Dozentur an der Deutschen
Universität und seiner Geschäftsführerschaft des VGDB41.
Als Pirchan ein Jahr später einen zusätzlichen vierwöchigen Urlaub zu Studienzwecken
in italienischen Archiven und Bibliotheken beantragte, um seine Habilitationsschrift zu
ergänzen und für den Druck vorzubereiten, unterstützte der tschechische Archivdirektor
auch dieses Gesuch. Er empfahl dem Innenministerium sogar, Pirchan in dieser Zeit wei-
terhin sein Gehalt auszubezahlen42. Die Herausgabe der Habilitationsschrift unterstützte
das tschechoslowakische Ministerium für Schulwesen und Bildung mit einem Betrag
37 Zur Geschichte des Archivs des Innenministeriums siehe Josef Kollmann, Archiv ministerstva vnitra v l.
1918–1945 [Das Archiv des Innenministeriums in den Jahren 1918–1945], in : Sborník archivních prací
(SAP) 45 (1995) 511–688 (mit der älteren Literatur). Eine kurze Bestandsübersicht liefert Josef Bergl, Das
Archiv des Innern in Prag, in : MVGDB 64 (1926) 40–49, 81–86.
38 Kollmann, Archiv (wie Anm.
37) 521.
39 Klicman an Pirchan, 07.01.1921. NA, AR–ÚAMV, PA Pirchan, Sig. IX/2, K. 137, Inv.-Nr.
84.
40 Vgl. hierzu Gustav Pirchan, Bericht über die Versammlung Deutscher Historiker und Geschichtslehrer in
Frankfurt am Main vom 30. September bis 4. Oktober 1924, in : MVGDB 62 (1924) 263–278.
41 Klicman an das Innenministerium (IM), 16.09.1924. NA, AR–ÚAMV, PA Pirchan, Sig. IX/2, K. 137,
Inv.-Nr.
84.
42 Klicman an das IM, 18.09.1925. Ebd.
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Volume 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Österreichische Historiker
- Subtitle
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Volume
- 2
- Author
- Karel Hruza
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 678
- Keywords
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Category
- Biographien