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Österreichische Historiker - Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Volume 2
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Gustav Pirchan (1881–1945) 345 Musikpädagogen und SPD-Politikers Leo Kestenberg, der 1933 nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten Deutschland mit seiner Familie verlassen musste und bis 1938 in der demokratischen Tschechoslowakei Zuflucht fand84. Dass Pirchan sie, die Tochter eines bekannten jüdischen Emigranten, kurz nach seiner Berufung auf den Lehrstuhl als seine erste Doktorandin aufnahm, spricht für seine im Vergleich zu vielen seiner deut- schen Kollegen liberale und damals auch mutige Haltung gegenüber antisemitisch einge- stellten Studenten und Professoren, zumal in konservativen und reaktionären deutschen Kreisen in der Tschechoslowakei Vorbehalte gegen politische und jüdische Flüchtlinge aus Deutschland virulent waren85. IV. Berufungsverhandlungen zum ausserordentlichen Professor Im Dezember 1929 erhielt der Inhaber des Lehrstuhls für allgemeine Geschichte des Mit- telalters an der Deutschen Universität in Prag, Theodor Mayer, einen Ruf an die Universi- die Ehre habe zu arbeiten, regte dann an, das Thema auf Böhmen zu beschränken, da sie keinen Zugang mehr zu den Handschriften im Deutschen Reich hatte. Curriculum vitae Ruth Kestenberg, 12.12.1934. UAP, FF NU, Studentenpersonalien, PA Ruth Kestenberg, K. 84, Inv.-Nr. 999. 84 Kestenberg fand als Musikreferent im tschechoslowakischen Schulministerium eine Anstellung. Zu Kestenberg siehe Hana Vlhová-Wörner, Felix Wörner, Leo Kestenberg und die Prager Gesellschaft für Musikerzie- hung, in : Leo Kestenberg. Musikpädagoge und Musikpolitiker in Berlin, Prag und Tel Aviv, hg. v. Susanne Fontaine, Ulrich Mahlert, Dietmar Schenk, Theda Weber-Lucks (Rombach Wissenschaft, Reihe Lit- terae 144, Freiburg im Br. u.a. 2008) 205–243, vgl. auch seine Autobiografie Leo Kestenberg, Bewegte Zeiten. Musisch-musikantische Lebenserinnerungen (Wolfenbüttel u.a. 1961). Ruths damaliger Verlobter und späterer Ehemann, Dr. Tunja Gladstein, zur damaligen Zeit ein staatenloser russischer Jude, verließ mit ihr Deutschland. In der Tschechoslowakei stellte ihn Staatspräsident Masaryk als Privatbibliothekar an. Kuhrau- Neumärker, Ruth Gladstein (wie Anm. 81) 2. 85 In den 1920er- und 1930er-Jahren ist es wiederholt zu Ausschreitungen von deutschen Antisemiten gegen jüdisch-deutsche Wissenschaftler an der Deutschen Universität in Prag gekommen. Auch an dem Professo- renkollegium der Philosophischen Fakultät gingen diese Konflikte nicht unbeachtet vorbei. Kolář spricht in diesem Zusammenhang für die Zwischenkriegszeit von einem zunehmenden „Antagonismus zwischen der altliberalen und teilweise jüdischen Gelehrtengeneration einerseits und der jüngeren Generation der nationa- listisch und zunehmend auch antisemitisch gesinnten Wissenschaftler andererseits“. Die Konflikte artikulier- ten sich u.a. bei Entscheidungen im Professorenkollegium und bei Berufungskommissionen und führten zur Bildung von Gesinnungskoalitionen. Kolář, Geschichtswissenschaft in Zentraleuropa 1 (wie Anm. 3) 46f.; ders., Brutstätte (wie Anm. 3) 114. Vgl. auch den bezeichnenden Brief Bergls an Blaschka (siehe Anm. 94). Zu antisemitischen Tendenzen und Ausschreitungen siehe Alena Míšková, Deutsche (Karls-)Universität (wie Anm. 6) 32–36, 39–42 ; dies., Die Lage der Juden an der Prager Deutschen Universität, in : Judenemanzi- pation – Antisemitismus – Verfolgung in Deutschland, Österreich-Ungarn, den Böhmischen Ländern und in der Slowakei, hg. v. Jörg K. Hoensch, Stanislav Biman, Ľubomír Lipták (Essen 1999) 117–129 ; Hruza, Zatschek (wie Anm. 66) 706–708, 764.
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Österreichische Historiker Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Volume 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Title
Österreichische Historiker
Subtitle
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
Volume
2
Author
Karel Hruza
Publisher
Böhlau Verlag
Location
Wien
Date
2012
Language
German
License
CC BY-NC-ND 3.0
ISBN
978-3-205-78764-8
Size
17.0 x 24.0 cm
Pages
678
Keywords
Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
Category
Biographien
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