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356 Stefan Lehr mit einem Exkurs von Tomáš Borovský
sudetendeutschen Bauwerk zeigt139. Im Frühjahr 1940 bereitete er einen Vortrag über das
Judentum in der Geschichte Prags für die Volksbildungsstätte vor und nahm kurz darauf
an einer Besprechung über den „Einsatz der Geisteswissenschaften im Krieg“ teil. Um
seine Mitwirkung an dieser Veranstaltung hatte ihn sein Prager Vorgänger Theodor Mayer
gebeten. Zwei Jahre später besuchte er schließlich zwei Tagungen zu diesem Thema. So
nahm Pirchan am 4. und 5. Mai 1942 an einer Konferenz zur „Germanischen Raumerfas-
sung und Staatenbildung“ in Weimar teil. Die dortigen Vortragenden „behandelten den
germanischen Einfluss auf Staat, Recht und Sprache Europas“140. Vom 18. bis 21. No-
vember 1942 trafen sich in Marburg 43 Mittelalterhistoriker (von 92 eingeladenen), unter
ihnen Pirchan, um über die Kontinuität „germanischer“ Leistungen in der Geschichte zu
diskutieren141. Im gleichen Jahr hielt er im Juli im Auftrag des Deutschen Zentralinstituts
für Erziehung und Unterricht vor tschechischen Lehrkräften zwei Vorträge über Böhmen
als „Glied des mittelalterlichen Kaiserreiches“ und „Böhmen und Mähren unter Karl
IV.“.
In diesen betonte er die Verbundenheit Böhmens mit dem Reich und die Leistungen des
„Deutschtums“142. Wie auch die anderen Prager Kollegen publizierte er während des Krie-
ges drei Beiträge in dem offiziösen Blatt des Reichsprotektors Böhmen und Mähren143.
Letztlich griff Pirchan hier jedoch nur frühere Schriften auf, welche bereits in nationalisti-
schem Ton verfasst waren und die Leistungen des „Deutschtums“ hervorhoben.
Während des Krieges gehörte Pirchan der Historischen Kommission der Sudetendeut-
schen Anstalt für Landes- und Volksforschung an144. Im März 1944 ernannte ihn der
Deutsche Staatsminister für Böhmen und Mähren, Karl Hermann Frank, zum Mitglied
eines Editionsrates für geschichtliche Quelleneditionen in Böhmen und Mähren, in der
Reinhard-Heydrich-Stiftung engagierte sich Pirchan jedoch nicht145, unterhielt aber zu
dort aktiven Persönlichkeiten wie Zatschek Beziehungen. So schrieb Pirchan diesem bei-
139 Pirchan an Bergl, 15.08.1939, 04.03.1940. SOA Litoměřice, pobočka Děčín, RA Clam-Gallasů, NL Bergl,
K. 670.
140 Frank-Rutger Hausmann, Deutsche Geisteswissenschaft im Zweiten Weltkrieg. Die „Aktion Ritterbusch“
(1940–1945) (Heidelberg 32007) 180.
141 Ebd. 184f.
142 Pirchan an Dekan, 25. und 26.08.1940 ; 27.04.1942, 27.06.1942. UAP, FF NU, PA Pirchan, K. 50.
143 Vgl. hierzu allgemein Petr Šafařík, List říšského protektora Böhmen und Mähren v kontextu nacistické
propagandy a soudobé sudetoněmecké historiografie [Das Blatt des Reichsprotektors Böhmen und Mähren
im Kontext der nationalsozialistischen Propaganda und zeitgenössischen sudetendeutschen Historiografie],
in : AUC – HUCP 44 (2004) 147–211.
144 Ota Konrád, Die sudetendeutsche Anstalt für Landes- und Volksforschung 1940–45, in : Die „sudetendeut-
sche Geschichtsschreibung“ (wie Anm. 3) 71–95, hier 77.
145 Erlass des Deutschen Staatsministers für Böhmen und Mähren über geschichtliche Quellenveröffentlichun-
gen in Böhmen und Mähren vom 06.03.1944. NA, ÚŘP, 114-201-8. Andreas Wiedemann, Reinhard-Hey-
drich-Stiftung (wie Anm. 78) ; Míšková, Deutsche (Karls-) Universität (wie Anm. 6) 162–171, 244–246.
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Volume 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Österreichische Historiker
- Subtitle
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Volume
- 2
- Author
- Karel Hruza
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 678
- Keywords
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Category
- Biographien