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358 Stefan Lehr mit einem Exkurs von Tomáš Borovský
weise auch an der Jahrestagung des Vereines im Dezember 1941 teil, auf der der Staatssekre-
tär und SS-Gruppenführer Karl Hermann Frank eine „richtungsweisende Rede“ hielt151.
Vergleicht man Pirchans Verhalten im Protektorat mit dem der anderen Prager deut-
schen Historiker, erscheint er verhältnismäßig unauffällig. Bergl beurteilte sein Auftreten
im November 1939 als ganz klug : Man sieht ihn nicht und hört nichts von ihm. Bergl
fand es sehr schön, dass er nicht nach Ämtern und Ehrenstellen ausgeht und den Herrgott
einen guten Mann sein lässt152. Im April 1939 schrieb Pirchan dem tschechischen Kollegen
František Roubík noch auf Tschechisch. In dem Brief gab er der Hoffnung Ausdruck,
noch einiges für die gemeinsame Arbeit leisten zu können, die der Jahrhunderte alten ge-
meinsamen Geschichte gewidmet sei153. Zwei Gutachten über die tschechischen Historiker
Rudolf Holinka und Josef Tichý, die Pirchan auf Anforderung des Dekans der Philoso-
phischen Fakultät 1942 erstellte, waren fachlich neutral bzw. im Fall des Pekař-Schülers
Holinka sogar äußerst positiv154.
Der tschechische nationalistische Historiker Václav Vojtíšek sprach Pirchan anders
als vielen anderen deutschen Historikern ein gewisses Maß an Zurückhaltung zu155. So
habe er sich von der Politik ferngehalten und im Protektorat nicht Karriere gemacht.
Pirchan sei, so Vojtíšek, kein „Faschist“ gewesen ; diese politische Gruppierung hätte ihm
dennoch nähergestanden als die Tschechen156. Nach Aussage Vojtíšeks ging Pirchan ihm
während des Krieges aus dem Wege, erst kurz vor Ende der deutschen Okkupation habe
er Vojtíšek angesprochen. Pirchan habe dabei auf seinen unpolitischen Charakter, sein
ausschließliches Interesse an der Wissenschaft und seine Herzprobleme hingewiesen.
Während viele Reichsdeutsche Prag rechtzeitig vor Kriegsende verließen, fiel dies dem mit
der Stadt verbundenen Pirchan zweifelsohne schwer, und so blieb er. Pirchan war kein
NSDAP-Mitglied, verfügte aus seiner Dienstzeit im Archiv über Kontakte zu Tschechen
und beherrschte deren Sprache ; zudem hatte seine Ehefrau einen jüdischen Urgroßvater.
Er machte sich daher begründete Hoffnungen, den Umbruch unbeschadet zu überstehen.
Eine Woche vor dem Prager Aufstand im Mai 1945 teilte Pirchan Vojtíšek mit, dass er
seine böhmische Arbeitsumgebung sehr schätze157.
151 Vgl. Die Jahrestagung des Vereins für Geschichte der Deutschen in den Sudetenländern 1941, in : MVGDS
80 (1943) 106–113, hier 107–108.
152 Bergl an Blaschka, 03.11.1939. NA, NL Blaschka K. 6, Inv.-Nr. 12.
153 Pirchan an Roubík, 15.04.1939. MÚA, NL Roubík, Sig. IIb, Inv.-Nr. 236.
154 Über Tichý sagte Pirchan aus, dass er von vertrauenswürdigen Gewährsmännern als ruhiger, verläßlicher junger
Forscher geschildert werde. Gutachten vom 15.11.1942. UAP, FF NU, Gutachten über die Dozenten der
geschlossenen tschechischen Philosophischen Fakultät, K. 95.
155 Hruza, „Einige Deutsche“ (wie Anm. 72) 148f.
156 Ebd. 158.
157 Ebd. 148f.; Míšková, Deutsche (Karls-) Universität (wie Anm. 6) 237.
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Volume 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Österreichische Historiker
- Subtitle
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Volume
- 2
- Author
- Karel Hruza
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 678
- Keywords
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Category
- Biographien