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Gustav Pirchan (1881–1945) 363
Deutschen. Pirchan verfällt wiederholt in eine schablonenhafte Schwarzweißmalerei182.
Epochen wie die Hussitenzeit183 und die Phase des böhmischen Ständestaates, die in
der tschechischen Geschichtsschreibung traditionell positiv konnotiert sind, werden von
Pirchan einseitig negativ dargestellt. Zeiten, in denen sich das Land deutschen Einflüs-
sen öffnete (unter den Přemysliden und Luxemburgern sowie unter den Habsburgern),
beschreibt er dagegen undifferenziert als erfolgreiche historische Entwicklungsabschnitte.
Zudem bemüht sich Pirchan, tendenziell Kontinuitäten herauszuarbeiten. Diese sind ei-
nerseits die kontinuierliche germanische bzw. deutsche Besiedlung des Landes und die
deutsche „Kulturleistung“, aus denen er ein Heimatrecht ableitet, und zum anderen der
bereits erwähnte Kampf der Tschechen gegen die Deutschen.
Auf einen während der „Sudetendeutschen Kulturwoche“ in Reichenberg im Au-
gust 1926 gehaltenen Vortrag ging Pirchans 1931 erschienene Schrift „Böhmen und das
Reich“ zurück. Sie war bereits versöhnlicher gehalten und betrachtete die deutsch-tsche-
chischen Beziehungen differenzierter als zuvor, wenn auch vom deutschen Standpunkt
aus. Pirchan begann seinen Beitrag ähnlich wie zuvor mit der germanischen Besiedlung
Böhmens in der Zeit vor der slawischen Landnahme und sprach von Böhmen als dem
„Herzen Germaniens“ und als „germanischer Festung“184. Anschließend ging er auf die
Beziehung Böhmens zum Römisch-deutschen Reich ein, welche er als ein Problem der
Zugehörigkeit des Landes zu Ost oder West darstellte185. Inzwischen sah Pirchan den
Sinn und Inhalt der Geschichte des tschechischen Volkes nicht mehr primär in dem
„zu Zeiten hoch auflodernden nationalen Kampf wider das Deutschtum“, sondern in
der „jahrhundertelangen Auseinandersetzung der tschechisch-slawischen Seele mit der
182 Zu Palacký und seiner Geschichtsphilosophie siehe Jiří Kořalka, František Palacký (1798–1876). Der His-
toriker der Tschechen im österreichischen Vielvölkerstaat (Studien zur Geschichte der österreichisch-ungari-
schen Monarchie 30, Wien 2007).
183 So wird das Hussitentum einseitig als „furchtbarster Ansturm des Willens der Nation zum volksreinen
tschechischen Nationalstaate“, die Hussiten als Kämpfer „gegen das Deutschtum und deutsche Wesen“, als
„Sturmflut“ gegen die Deutschen dargestellt. Nach der Hussitenzeit strömte „zur Heilung der Wunden der
Volkseinbuße […] alsbald […] frisches heilkräftiges Blut der ‚Herzkammer Germaniens’ zu“. Pirchan,
Deutschböhmens Daseinskampf (wie Anm. 176) 8.
184 Gustav Pirchan, Böhmen und das Reich (Prag 1931) 1.
185 Wenig überzeugend wirkt es, wenn Pirchan schreibt, dass das tschechische Volk auf seinem geschichtlichen
Wege wiederholt vor dem Problem seiner kulturgeografischen west-östlichen Mittelstellung gestanden habe.
Das Schicksalsproblem Böhmens sah Pirchan darin, ob das Land „national slawisch und kulturell ostchrist-
lich“ werde und ob „ein römisch-deutscher Kaiser oder ein byzantinisch-slawischer Zar das Szepter“ führen
werde. Außer den Slawenaposteln im Großmährischen Reich im 9. Jahrhundert (die letztlich auch eine Bin-
dung an die katholische Kirche suchten) wird man bis zum Aufkommen einer modernen tschechischen Na-
tionalbewegung und dem Panslawismus im 19. Jahrhundert den östlichen Einfluss auf Böhmen weitgehend
als gering veranschlagen können. Pirchans Beitrag selbst zeigt dessen deutliche Zugehörigkeit zur westlich-
christlichen Kultur auf. Ebd. 3.
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Volume 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Österreichische Historiker
- Subtitle
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Volume
- 2
- Author
- Karel Hruza
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 678
- Keywords
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Category
- Biographien