Page - 368 - in Österreichische Historiker - Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Volume 2
Image of the Page - 368 -
Text of the Page - 368 -
368 Stefan Lehr mit einem Exkurs von Tomáš Borovský
schlechtern der Germanen durch den Glauben an den göttlichen Ursprung ihres Geblüts
zu eigen war“212. Immer wieder betonte der Verfasser die enge Verbundenheit sowie die
Stellung Böhmens im „Schutze des Reiches“ während des Mittelalters. Und „nach wie
vor [waltete] das Gebot einer größeren, weiträumigeren Reichsidee“ über dem einstigen
Königs- und Kaisersitze. „Die Gestalt des Führers“ im Fenster des Prager Schlosses habe
„diesem raumpolitischen Gesetze neuen sinnbildlichen Ausdruck verliehen“213.
Im Zusammenhang mit der Entwicklung der Prager Universität musste das „Sudeten-
deutschtum“ laut Pirchan in der Zwischenkriegszeit zwei Jahrzehnte lang schwer um seine
Hochschule kämpfen. Die Befreiung von der angeblich mit „unverhüllter Schroffheit“
„alleinherrschenden tschechischen Staatsnation“ habe erst das Dritte Reich gebracht, wel-
ches die Deutsche Karls-Universität am 4. November 1939 wieder zu einer Reichsuniver-
sität machte214. Dass gut zwei Wochen später die tschechischen Hochschulen geschlossen
und deren Dozenten und Studenten verfolgt wurden, verschwieg Pirchan dabei ebenso
wie den grundlegenden Wandel, dem die Deutsche Universität angesichts politischer und
rassistischer „Säuberungen“ unterlag215.
Im März 1942 bewertete Pirchan die Dissertation „Genealogisch-erbbiologische Un-
tersuchungen der Salier“ seines Doktoranden Meinlschmidt216 mit sehr gut ; sie eröffne
bemerkenswerte Ausblicke, auch wenn sie die Begriffe der Rassen- und Volkszugehörigkeit
nicht genau trenne und unter der schlechten Quellenlage leide217. Zudem ermögliche sie
es, Rückschlüsse auf günstige oder üble Erbanlagen […] sowie den Ursprung und die Erbträ-
ger der Krankheitskeime zu erfassen. Meinlschmidt hatte die Arbeit als Untersuchung des
salischen Kaiserhauses im Sinne einer „rassischen“ Geschichtsbetrachtung geschrieben. In
ihr wurden die Salier in ihren blutlichen Zusammenhängen und ihrer Blutentwicklung be-
trachtet. Als Ergebnis stellte Meinlschmidt unter anderem fest, dass sich die Blutmischung
mit Frauen rassenfremder Blutzusammensetzung unheilvoll auf die Salier und auch andere
deutsche Herrschergeschlechter ausgewirkt habe. Pirchan bezeichnete im Gutachten die
Frage nach den erbbiologischen Grundlagen führender Persönlichkeiten und Geschlechter als
eine der vornehmsten, aber auch schwierigsten Aufgaben unserer neuen Geschichtsbetrach-
212 Gustav Pirchan, Sinn und Sendung, in : Böhmen und Mähren 3 (1942) 300–301, hier 300.
213 Ebd. 301.
214 Gustav Pirchan, Die deutsche Karlsuniversität Prag in sechs Jahrhunderten, in : Böhmen und Mähren 4
(1943) 12–14, hier 14.
215 Vgl. hierzu Míšková, Deutsche (Karls-) Universität (wie Anm. 6) 58–76, 255–256.
216 Das Promotionsthema vergab Zatschek, der dann aber zum SS 1941 nach Wien wechselte, so dass Pirchan
die Betreuung der Arbeit übernahm.
217 Des Weiteren monierte Pirchan, dass eine notwendige Überprüfung der Arbeit durch einen rassenbiolo-
gischen Fachmann nicht erfolgt sei und der Verfasser bei seinen biologischen Schlüssen nicht immer die
erforderliche Vorsicht walten ließ. Gutachten Pirchans über die Dissertation „Genealogisch-erbbiologische
Untersuchung der Salier“ vom 04.03.1942. UAP, FF NU, Dissertationen, Nr. IV/130, Karl Meinlschmidt.
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Volume 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Österreichische Historiker
- Subtitle
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Volume
- 2
- Author
- Karel Hruza
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 678
- Keywords
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Category
- Biographien