Page - 369 - in Österreichische Historiker - Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Volume 2
Image of the Page - 369 -
Text of the Page - 369 -
Gustav Pirchan (1881–1945) 369
tung218. Bereits zuvor hatte er sich in einer Rezension über ein Buch seines Kollegen
Zatschek positiv zu dem erbbiologisch-genealogischen Ansatz geäußert219.
Pirchan schrieb in allen seinen Beiträgen zum Sudetendeutschtum und zum VGDB
von „unserem“ oder dem „deutschen Volk“ sowie von Böhmen als einem Zweivölkerland.
Das „Volk“ bezeichnete er als „die allgemein bedingende Kraft“ für „jegliche Schöpfung
und Leistung auf dem weiten Gebiete der Lebenskultur“220. „Träger der Ideen“ seien
„bestimmte Persönlichkeiten“221. In einem anderen Kontext sprach er davon, dass es die
„Weltanschauung der führenden Männer auf allen Gebieten“ sei, dank derer sich Ent-
wicklung vollziehe, und auch auf diesem Gebiet sei „der Kampf der Vater der Dinge“222.
Volksgeschichte beschrieb Pirchan wie folgt : „Wenn heute eine tiefer schürfende Volksge-
schichte alle unmittelbaren und mittelbaren bevölkerungsgeschichtlichen Quellen erfas-
send, die Linie des Ringens um die Volks- und Bodengrenze örtlich und zeitlich genauer
durch die sudetendeutsche Geschichte hin verfolgt ; nur so kann sie, bis zu den Wurzeln
unseres heutigen Volkstums vordringend, den Kampf der Sprachen und Kulturen um
Menschen und Boden schärfer ins Licht stellen“223.
Pirchan hatte bereits auf dem Historikertag in Frankfurt am Main 1924 Vorträge von
volksgeschichtlich arbeitenden Historikern gehört224. Auch wenn er in seinen Texten zum
Sudetendeutschtum von „Volk“ sprach, betrieb er aber selbst explizit keine interdiszipli-
näre oder „innovative“ Volksgeschichte225. Allenfalls hinsichtlich der Bezogenheit auf das
„Deutschtum“ könnte man in Pirchans sudetendeutschen Beiträgen Hinweise auf volks-
218 Ebd. Auch das Gutachten Anton Ernstbergers vom 21.02.1942 schloss mit dem Gesamturteil sehr gut. Der
Fachvertreter der „Volksbiologie“ Karl Valentin Müller stellte Mängel vom Standpunkt der Erbbiologie fest
und vergab nur das Prädikat rite. Vgl. Gutachten vom 04.03.1942. Ebd.
219 „Den Abschluß des Buches aber bildet eine Untersuchung, die von dem verschärften Blicke des heutigen
Geschichtsforschers Zeugnis gibt, eine Untersuchung des erbbiologischen Verhängnisses, das über die erbge-
sunden Karolinger durch die Krankheitskeime einiger Ehefrauen so verheerend hereinbrach, das Herrscher-
geschlecht dem Untergang weihte und Staat und Stämme mit ernstem Verfalle bedrohte.“ Gustav Pirchan,
Heinz Zatschek, Wie das erste Reich der Deutschen entstand (Prag 1940), in : ZSG 4 (1940) 229f., hier 230.
220 Pirchan, Der Verein (wie Anm. 177) 69.
221 Ebd. 70.
222 Ebd. 74.
223 Pirchan, Sudetendeutschtum 1937 (wie Anm. 176) 572.
224 Rudolf Kötzschke sprach über „Nationalgeschichte und Landesgeschichte“, Helbok über den „Aufbau der
geschichtlichen Landesforschung aus einer gesamtdeutschen Siedlungsforschung“ und Aubin über „Stand
und Ziel der historischen Geographie in der Rheinprovinz“. Vgl. Pirchan, Bericht über die Versammlung
(wie Anm. 40) 273–277.
225 Zur Volksgeschichte vgl. Willy Oberkrome, Volksgeschichte. Methodische Innovation und völkische Ideolo-
gisierung in der deutschen Geschichtswissenschaft 1918–1945 (Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft
101, Göttingen 1993) ; ders., Entwicklungen und Varianten der deutschen Volksgeschichte (1900–1960), in :
Volksgeschichten im Europa der Zwischenkriegszeit, hg. v. Manfred Hettling (Göttingen 2003) 65–95.
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Volume 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Österreichische Historiker
- Subtitle
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Volume
- 2
- Author
- Karel Hruza
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 678
- Keywords
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Category
- Biographien