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Adolf Grohmann (1887–1977) 383
jedoch nie mit der Universität verbunden war17. Die Auseinandersetzung mit dem Ori-
ent erfolgte in den deutschsprachigen Ländern auf dem Wege der Grammatik und der
Poesie. Anders als für britische und französische Orientalisten spielte die Bereisung des
Orients in den deutschsprachigen Ländern im Fachgebiet der Orientalistik eine unterge-
ordnete Rolle. Islamische Geschichte wurde im Allgemeinen als arabische Geschichte der
klassischen Zeit verstanden und hatte, da ihre Erforschung in einem posttheologischen-
philologischen Fach wurzelte, keinen direkten Bezug zu den historischen Wissenschaften :
„Indeed the weak point of Arabic studies in nineteenth-century Germany was that histo-
riography and philology did not come together but rather lived in constant danger of fal-
ling victim to a silent animosity […].“18 Die Fragen der Historischen Hilfswissenschaften
und der historischen Quellenkritik berührte die Orientalistik aus diesem Grund nur am
Rande. Die Notwendigkeit, sich mit Historischen Hilfswissenschaften zu beschäftigen,
wurde erst mit dem Moment offenbar, als man sich mit arabischen Archivalien zu beschäf-
tigen begann. Da die Auseinandersetzung mit diesen zu einem viel späteren Zeitpunkt
erfolgte als die Entwicklung der quellenkritischen Methode in den europäischen histori-
schen Wissenschaften, kann man diese Ungleichzeitigkeit der Entdeckung und Entwick-
lung von Methoden der Quellenbearbeitung als einen Grund dafür annehmen, dass die
Disziplinen Orientalistik und Geschichte sich nicht stärker verschränkten. Archivalien
kamen erstmals in der Form arabischer Papyri in das Interessenfeld der Orientalisten, ein
Trend, der unter anderem in Wien mitbegründet wurde.
In die Tradition der universitären Orientalistik im deutschsprachigen Raum ordnete
sich auch das Orientalische Institut an der Universität Wien ein, an dem Grohmann von
1907 bis 1911 studierte. 1886 wurde das Institut unter unklaren Umständen gegründet,
jedenfalls ist ihm kein Gründungsprozess in den Akten nachzuweisen. Es wurden fünf
Fachbereiche in das neu gegründete Institut integriert : Vergleichende Sprachwissenschaft,
repräsentiert durch Friedrich Müller19, Ägyptologie durch Leo Reinisch20, Indologie
durch Georg Bühler21, einem weltbekannten Gelehrten der Indologie, Geschichte des
17 Zu ihm Sibylle Wentker, Joseph Freiherr von Hammer-Purgstall. Ein Leben zwischen Orient und Ok-
zident, in : Joseph von Hammer-Purgstall. Grenzgänger zwischen Orient und Okzident, hg. v. Hannes D.
Galter et al. (Graz 2008) 1–12.
18 Josef van Ess, From Wellhausen to Becker : The Emergence of Kulturgeschichte in Islamic Studies, in : Islamic
Studies : A Tradition and its Problems. Seventh Giorgio Levi Della Vida Biennial Conference, hg. v. Malcolm
H. Kerr (Malibu 1980) 27–51.
19 Zu ihm Rüdiger Schmitt, Art. „Müller, Friedrich“, in : NDB 18 (1997) 378f.
20 Zu ihm Rainer Voigt, Art. „Reinisch, Simon Leo“, in : NDB 21 (2003) 372f.; G. Böhm/G. Thausing, Art.
„Reinisch, Simon Leo“, in : ÖBL 9 (Wien 1988) 50f.
21 Zu ihm Willibald Kirfel, Art. „Bühler, Johann Georg“, in : NDB 2 (1955) 726f.; Art. „Bühler, (Johann)
Georg“, in : ÖBL 1 (Wien 1957) 125.
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Volume 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Österreichische Historiker
- Subtitle
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Volume
- 2
- Author
- Karel Hruza
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 678
- Keywords
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Category
- Biographien