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390 Sibylle Wentker
begründete diesen Antrag mit dem Tod des a.o. Professors für Orientalische Sprachen Max
Bittner54, der der Hauptträger des Unterrichts in diesem Fach an der Universität Wien
gewesen war. Die Studierenden kämen schließlich in den überwiegenden Fällen ohne Vor-
kenntnisse in den einschlägigen Sprachen an die Universität und seien auf Elementarun-
terricht innerhalb des Studiums angewiesen. Bittner hatte in seinen Vorlesungen in der Tat
eine enorme Bandbreite bei den unterrichteten Sprachen. In der Studienzeit Grohmanns
hatte Bittner Osmanisch-Türkisch, klassisches sowie neues Persisch, Syrisch, Äthiopisch
und nicht zuletzt klassisches Armenisch unterrichtet55. Bei der Erteilung des Lehrauftra-
ges an Grohmann dachte man vor allem an Arabisch mit seinen vielen Dialekten und an
Syrisch-Aramäisch. Rudolf Geyer würdigte Grohmanns wissenschaftliche Leistungen in
seinem Bericht an die Kommission : Auf allen den angeführten Gebieten hat sich Grohmann
durch aussergewöhnlichen Fleiss, treffsichere Beobachtungsgabe und strenge philologische Ge-
nauigkeit hervorgetan und auch als Privatdozent die auf ihn gesetzten Erwartungen in keinster
Weise enttäuscht56. Auf die Verbindung zu Karabaček und der Übergabe der Vorlesungen
zu Historischen Hilfswissenschaften im Bereich der Orientalistik ging die Kommission
nicht ein. Gleichwohl scheint man versucht zu haben, Grohmann fester an die Universität
Wien zu binden, allerdings ohne Erfolg, denn im Juni 1921 erhielt Grohmann die ersehnte
Berufung als außerordentlicher Professor an die Deutsche Universität in Prag. Vorausge-
gangen war diesem Ruf der Antrag einer Kommission dieser Universität, die seit 1892
bestehende Lehrkanzel für Semitische Philologie wieder zu besetzen57. Die Kommission
definierte 1920 die Lehr- und Forschungsbereiche der Lehrkanzel folgendermaßen : Das
besondere Forschungsgebiet der semitischen Philologie verbreitet sich nun in ziemlich scharfer
Abgrenzung 1) über das Südsemitische, d.i. die klassische Schriftsprache der Araber mit dem
sogenannten ‚Vulgärarabisch‘, über das Äthiopische oder das Ge’es und über das Idiom der
sabäo-minäischen Inschriften ; 2) über das Mittelsemitische, d.i. das Hebräische des A.T. mit
seinen Ausläufern, der Mischna und dem Rabbinischen, über das Phönikische mit dem Pu-
nischen und den anderweitigen Resten der kanaanitischen Dialekte ; 3) über das Nordsemiti-
sche, d.i. das Ostaramäische oder Syrische mit dem Mandäischen und das Westaramäische oder
Palästinensisch-Aramäische mit dem Targumischen und Samaritanischen ; endlich 4) über das
Ostsemitische, das ist die Sprache der assyrisch-babylonischen Keilinschriften58.
Angesichts der Breite des Faches hatte die Kommission beschlossen, das Fach in ein
Ordinariat und zwei Extraordinariate zu teilen. Das Ordinariat sollte die Bezeichnung
54 Zu ihm Fritz Rudolf Kraus, Art. „Bittner, Max“, in : NDB 2 (1955) 282.
55 Vorlesungsverzeichnis der Universität Wien, WS 1907/09 – SS 1919. Nicht umsonst wurde er in Anlehnung
an den sprachkundigen Kardinal als österreichischer Mezzofanti bezeichnet.
56 UAW, PA Grohmann, fol. 34.
57 UAP, PA Grohmann, Kommissionsbericht vom 04.03.1920.
58 Ebd.
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Volume 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Österreichische Historiker
- Subtitle
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Volume
- 2
- Author
- Karel Hruza
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 678
- Keywords
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Category
- Biographien