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402 Sibylle Wentker
die Gelegenheit, um Ihnen, sehr geehrter Herr Professor, für die loyale Zusammenarbeit in
den letzten Jahren herzlich zu danken und Ihnen meine besten Wünsche für die Zukunft und
Ihre weitere wissenschaftliche Tätigkeit auszusprechen115. Auch wenn beide Schreiben bis auf
den etwas herzlicheren letzten Satz des zweiten sich merkwürdig formelhaft auf ähnliche
Inhalte beziehen, so erreichte Grohmann doch nach einigen Jahren die Rückgabe seiner
Arbeitsmaterialien aus Prag, wobei er nicht davor zurückscheute, die Gremien der ÖAW,
deren korrespondierendes Mitglied er seit 1937 war, in Anspruch zu nehmen116.
Grohmann versuchte nun, an einer österreichischen Universität Fuß zu fassen. Im
Oktober 1945 richtete er ein schriftliches Gesuch an den Dekan der Philosophischen
Fakultät in Innsbruck : Infolge der Ereignisse des 8. Mai 1945 in Prag hat die Tätigkeit der
deutschen Professoren der Prager Karlsuniversität, der ich als Ordinarius für semitische Philo-
logie und Kulturgeschichte des Orients angehörte, ein Ende gefunden. Ich bin daher mit mei-
ner Familie zu meiner verheirateten Tochter hierher übersiedelt, nachdem ich noch durch die
Prager österreichische Gesandtschaft ein Gesuch um Wiedereinstellung in den österreichischen
Staatsdienst an das Staatsministerium für Unterricht und Kultus in Wien I gerichtet hatte, wie
dies auch die wenigen anderen Kollegen, die ebenfalls Österreicher sind, getan haben. Ich habe
ja vor meiner Berufung nach Prag als Dozent für Sprachen und Altertumskunde des vorderen
Orients und Leiter der orientalischen Abteilung der Papyrussammlung der Nationalbibliothek
seit 1916 im österreichischen Staats- bzw. Bundesdienst gestanden (Ich bin am 1.3.1887 in
Graz geboren und dort heimatberechtigt). Es würde mir eine besondere Freude sein, meine
Lehrtätigkeit an Ihrer Fakultät wieder aufnehmen zu können, um die Nachfolge meines lie-
ben, leider von uns gegangenen Freundes August Haffner anzutreten. Dem Vernehmen nach ist
sein Lehrstuhl ja noch frei, und ich wäre bereit, ihn schon in diesem Wintersemester zu über-
nehmen, wenn die philosophische Fakultät diesen Wunsch äußert. […] Ich darf bei dieser Ge-
legenheit wohl daran erinnern, daß Haffner schon einige Jahre vor seinem Tode daran gedacht
hat, mich neben seiner Lehrkanzel für einen zweiten orientalistischen Lehrstuhl in Vorschlag
zu bringen und mich auch für seine eigene Nachfolge nach Erreichung der Dienstgrenze in
Aussicht genommen hatte […]117.
Manches an diesem Schreiben ist bemerkenswert : Die Selbstverständlichkeit, mit der
Haffners Nachfolge für sich reklamiert wurde und die vollkommene Ignorierung der Ver-
änderung der Umstände durch einen verlorenen Krieg, im Zuge dessen sich Grohmann mit
115 Ebd.
116 AÖAW, phil-hist. Kl., PA Adolf Grohmann.
117 UAI, PA Grohmann, Schreiben vom 03.10.1945. Ein ganz ähnliches Schreiben richtete Grohmann auch an
die Universität Wien, hier seine Vorzüge in Betreff der Papyrussammlung der Nationalbibliothek herausstrei-
chend, sowie die Tatsache, dass er seit 1937 Mitglied der ÖAW war. UAW, PA Grohmann, Schreiben vom
02.08.1945, fol. 40.
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Volume 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Österreichische Historiker
- Subtitle
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Volume
- 2
- Author
- Karel Hruza
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 678
- Keywords
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Category
- Biographien