Page - 409 - in Österreichische Historiker - Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Volume 2
Image of the Page - 409 -
Text of the Page - 409 -
Adolf Grohmann (1887–1977) 409
bizarr, wenn zwei Hamburger Weggefährten der jüdischen Studentin Hedwig Klein, näm-
lich Hans Gottschalk und Albert Dietrich, später, als sie gewiss Kenntnis bekommen
hatten von sowohl Kleins traurigem Schicksal als auch von Grohmanns Unwillen, ihr
zu helfen, ihrerseits nur warmherzige Worte über Grohmann fanden, Dietrich in seiner
Glückwunschadresse an Grohmann anlässlich seines 70. Geburtstages151 und Gottschalk
in seinem Nachruf auf Grohmann152. Zu alledem hatte Hans Gottschalk als Jude Ham-
burg verlassen müssen, um der Verfolgung zu entgehen. Später äußerte er als Ordinarius
für Arabistik in Wien Verständnis für Grohmanns Lage nach dem Zweiten Weltkrieg.
Dass dies allgemein so praktiziert wurde, die NS-Affinität in der Regel zu verschweigen,
hat Ellinger deutlich vorgeführt153.
Grohmann widmete nahezu seine gesamte Lebensenergie der Arbeit. Wie ernsthaft
und genau er diese betrieb, ist aus seinen zusammenfassenden Arbeiten ersichtlich, die
allesamt monografischen Charakter haben. Der Hauptakzent lag bei Grohmann wohl
mehr auf der Forschung als auf der Lehre. Seine Lehre schrieb (zumindest von den Titeln
her) die Themen seiner eigenen Lehrer fort, und er hat auch keinen fassbaren Schüler-
kreis aufgebaut. Inhaltlich half ihm die Lehre fraglos, das in rastloser Sammeltätigkeit
zusammengetragene Material zu monografischen Überblicken zu formen. In den Beurtei-
lungen seiner Schriften in Rezensionen wird Grohmann als fleißiger, gewissenhafter Wis-
senschaftler gelobt. Ob er darüber hinaus durchwegs beliebt war, lässt sich nicht gänzlich
beantworten. Eine kurze Notiz in einem Briefwechsel zwischen Heinz Zatschek, Professor
für Mittelalterliche Geschichte und Historische Hilfswissenschaften in Prag, und seinem
Kollegen Hans Hirsch in Wien macht dies deutlich : Zatschek teilte Hirsch mit, er habe
in den Jahren 1929, 1930 von Kollegen allerhand über Grohmann gehört, was für diesen be-
lastend ist, und bat um ein Urteil, ob unter diesen Umständen Grohmann für [das Amt des
Universitätsrektors] tragbar wäre. Hirsch wollte die Vergangenheit Grohmanns auf sich
beruhen lassen, aber vielleicht hatten diese Gerüchte doch die Auswirkung, dass Groh-
mann nicht zum Rektor der Deutschen Universität in Prag gewählt wurde.154
Grohmann, der sich von den Disziplinen der Geschichtswissenschaft und der Orienta-
listik sein Rüstzeug geholt hatte, bewegte sich an einer schmalen Schnittstelle der beiden
151 Albert Dietrich, Glückwunsch zum 70. Geburtstag von Professor Adolf Grohmann, in : Der Islam 33,1–2
(1957) 1f. Dieses Heft diente gleichzeitig als eine Art Festschrift. Dietrich hatte Peter Freimark in einem Brief
von 22.06.1986 seine Erinnerungen an Hedwig Klein mitgeteilt. Freimark, Promotion (wie Anm. 102)
Fn. 3.
152 Gottschalk, Grohmann (wie Anm. 11).
153 Ellinger, Orientalistik (wie Anm. 6) 444.
154 Schreiben vom 16.02.1938 (IÖG, Archiv, NL Hans Hirsch) und vom 25.02.1938 (AAVČR, Osobní fond
Heinz Zatschek, Inv.-Nr. 188). Den Hinweis auf die beiden Briefe verdanke ich Karel Hruza, wofür ich mich
herzlich bedanke.
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Volume 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Österreichische Historiker
- Subtitle
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Volume
- 2
- Author
- Karel Hruza
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 678
- Keywords
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Category
- Biographien