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Karl Maria Swoboda (1889–1977) 421
nun das zu tun, was Sie für recht und nützlich halten. Sie wissen. lieber Freund, welche Vor-
sichten da wegen der nationalen Verhältnisse zu üben sind. In meinem Fall besonders, da ich
von den sudetendeutschen Herren der Fakultät, vor allem von Professor [Wilhelm] Wostry
kandidiert worden bin und mir deren Wohlwollen nicht verscherzen möchte52. Der Histori-
ker Wostry vertrat als Ordinarius die Tschechoslowakische Geschichte und war zwischen
1930 und 1943 geschäftsführender Direktor des Historischen Seminars. Inhaltlich favori-
sierte Wostry eine Landesgeschichtsforschung, wie sie in den böhmischen Ländern zuvor
in den Geschichtsvereinen mit einem kulturgeschichtlichen Ansatz von der Sozial- und
Wirtschaftsgeschichte über die Volkskunde, Familien- und Siedlungsforschung bis hin
zur Geistes- und Kunstgeschichte verfolgt worden ist. Die universitäre deutschböhmische
Landesgeschichtsforschung war dabei durchaus ein Beitrag zur deutschen „Volks- und
Kulturbodenforschung“. Wostry war in der Nord- und Ostdeutschen Forschungsge-
meinschaft (NOFG), die mit der SODFG am „Volkstumsprojekt“ eng kooperierte, für
das Gebiet Böhmen und Mähren zuständig. Außeruniversitär engagierte sich Wostry als
Obmann des Vereines für Geschichte der Deutschen in Böhmen und Schriftleiter der
Vereinszeitschrift MVGDB53. Nach der Machtergreifung Hitlers wirkte sich die außenpo-
litische Sachlage auch auf die Dreieckskonstellation zwischen reichsdeutschen, sudeten-
deutschen und tschechoslowakischen Interessen im Berufungsverfahren an die Deutsche
Universität entscheidend aus. Im Übrigen habe ich nur die große Sorge, daß die allgemeinen
politischen Verschiebungen die Auslandsberufungen hemmen oder gar verhindern könnten. Da
solche Befürchtungen gegenwärtig wohl berechtigt sind, wäre tunlichs[t] Beschleunigung mei-
ner Sache recht sehr geboten. Darf ich Sie bitten, auch in diesem Sinne zu wirken ! Empfehlen
Sie mich bitte Herrn Sektionschef Wirth ganz ergebenst54. Die Zurückhaltung der tschecho-
slowakischen Regierung bei Auslandsberufungen ließ das Verfahren ins Stocken geraten,
weitere Verzögerungen wurden durch Konkurrenzkämpfe zwischen reichsdeutschen und
sudetendeutschen Interessengruppen an der Universität bewirkt. Ich habe in den letzten
acht Monaten sehr wenig Positives, gar nichts direkt über meine Prager Sache gehört. Ich
hörte nur von Schwierigkeiten allgemeiner Art, die angesichts der veränderten politischen
52 Swoboda an Matějček, Wien, 21.06.1932. ANG (wie Anm. 3).
53 Zu Wostry siehe Karel Hruza „Wissenschaftliches Rüstzeug für aktuelle politische Fragen.“ Kritische Anmer-
kungen zu Werk und Wirken der Historiker Wilhelm Weizsäcker und Wilhelm Wostry, in : ZfO 54 (2005)
475–526, hier 494–525 ; Nina Lohmann, „Heimat und Volk.“ Der Historiker Wilhelm Wostry zwischen
deutschböhmischer und sudetendeutscher Geschichtsforschung, in : Die „Sudetendeutsche Geschichtsschrei-
bung“ 1918–1960. Zur Vorgeschichte und Gründung der Historischen Kommission der Sudetenländer, hg.
v. Stefan Albrecht, Jiří Malíř, Ralph Melville (Veröff. des Collegium Carolinum 114, München 2008)
127–149, hier 130–137. Zu Wostry und der SODFG siehe Fahlbusch, Wissenschaft (wie Anm. 38) 187,
zur Kooperation ebd. 246.
54 Swoboda an Matějček, Wien, 17.05.1933. ANG (wei Anm. 3).
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Volume 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Österreichische Historiker
- Subtitle
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Volume
- 2
- Author
- Karel Hruza
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 678
- Keywords
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Category
- Biographien