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Österreichische Historiker - Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Volume 2
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Page - 424 - in Österreichische Historiker - Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Volume 2

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424 Alena Janatková gesellschaftlichen Lebensraum entspricht ein enormes Fluktuieren und steigerndes sich Erweitern des Kunstinteresses innerhalb und außerhalb der Wissenschaft. […] erst in der jüngsten Zeit wirkte sich der historische Relativismus auf eine Kunstgeschichte ‚al- ler Zeiten und Völker‘ hin voll aus. Das hat auch Nachteile : Qualitative Stufungen, die früher, wenn auch ohne wissenschaftliche Begründung, doch ‚gesehen‘ waren, wurden dadurch nivelliert, Geringes an Hochwertiges herangeschoben. […] Es ist bezeichnend, daß in der eben erschienenen […] Geschichte der Kunstgeschichte annähernd der halbe Raum der Kunst der Vorzeit und der farbigen Völker eingeräumt ist. In den letzten Jah- ren folgen aber die Gebietserweiterungen Schlag auf Schlag. Nach der Kunst des Kindes, der Blinden, der Irren lernten wir in einer kürzlich erschienenen Arbeit auch die Kunst der Sträflinge kennen. […] Das Verwirrende des gegenwärtigen Zustandes liegt nicht so sehr an der Stoffülle als an der Ordnungslosigkeit des Stoffes, sowohl was die horizontale Ordnung, nach der Verschiedenartigkeit der Objekte, ausmacht, als in der Vertikalen, nach den Unterschieden ihrer Qualität.“63 Die Neuordnung sollte allerdings über die allgemeine Geistesgeschichte hinaus um die neuen Dimensionen der Wissenschaft vom Menschen in seiner „psychophysischen Totalität“ und um die örtliche, geografische Di- mension erweitert werden. Die Fragestellung sollte demnach lauten : Welches ist trotz allem geschichtlichen Wandel der sich gleichbleibende Charakter der Kunst eines Volkes, einer Landschaft, einer Stadt – wobei „geniale Anläufe“ Dvořáks und Wilhelm Pinders in ein ausgreifendes „Theoriensystem“ überführt werden sollten. Wie in der Theorie waren auch auf dem Gebiet der angewandten Kunstgeschichte neue Werteskalen, gesteigerte Systematisierung, Planmäßigkeit und Institutionalisierung angesagt64. Die über das vorgefundene kunsthistorische System hinausgreifenden Kräfte sollten also von „psychophysischer Totalität“ sein. Bereits mit dieser Zielsetzung lässt sich die radikale Abkehr von jenem kunsthistorischen Verständnis ausmachen, das die Herausge- ber von Dvořáks Studien zur abendländischen Entwicklung 1924 unter „Kunstgeschichte als Geistesgeschichte“ präsentiert hatten. Mit seiner geistesgeschichtlichen Perspektive hatte Dvořák den historischen Kontext neu entdeckt. Jegliches völkische Kunstverständ- nis wie jenes von Wilhelm Worringer war ihm hingegen fremd, daher hatte sich Dvořák von Worringers interpretatorischem Ansatz distanziert : „Ohne Rücksicht auf den jewei- ligen historischen Tatbestand und in willkürlicher Beschränkung auf einen allerdings sehr charakteristischen Zug der mittelalterlichen Kunst legte Worringer seinen glänzend geschriebenen Betrachtungen einen völkerpsychologisch konstruierten Begriff des goti- schen Formwillens zugrunde, der alles, was die neuen nordischen Völker aus eigener Kraft künstlerisch erfunden haben, vom altorientalischen und klassischen Kunstschaffen un- 63 Ebd. 15f. 64 Ebd. 21.
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Österreichische Historiker Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Volume 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Title
Österreichische Historiker
Subtitle
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
Volume
2
Author
Karel Hruza
Publisher
Böhlau Verlag
Location
Wien
Date
2012
Language
German
License
CC BY-NC-ND 3.0
ISBN
978-3-205-78764-8
Size
17.0 x 24.0 cm
Pages
678
Keywords
Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
Category
Biographien
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