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Entfaltungsbedürfnissen, die gesteigerte Verantwortung des an der Wissenschaft Teilha-
benden für die sich daraus ergebenden Verpflichtungen“ und moderne Systematisierung
der Kunstgeschichte bedeuteten auch die kontrollierte Vereinheitlichung der Werteskala
und deren mediale Vervielfältigung68. Wenn es hieß, für die Kunstgeschichte „ihren an-
gestammten und natürlichen Platz im kulturellen Leben zurückgewinnen“69, so ging es
doch um deren neuartigen Stellenwert in der Kulturpolitik. Die ideelle Orientierung hin
auf Neuordnung der Museen und neue Zielsetzungen des Sammelwesens war bereits Vor-
zeichen von späteren Umstrukturierungen der kunsthistorischen Praxis an den staatlich
verwalteten Kultureinrichtungen im Protektorat Böhmen und Mähren.
Während seiner Prager Lehrtätigkeit durchschritt Swoboda die Kunstgeschichte nach
Stilepochen, die von Überblicksdarstellungen zu den „Sudetenländern“ und von national
akzentuierten Veranstaltungen („Die Kunst der neuen Nationen des Mittelalters/Roman-
tik [sic]“, WS 1938/39 ; „Deutsche Kunst der Gotik“, SS 1939) begleitet wurden. Wäh-
rend der brisanten Zeit 1938/39, der erzwungenen Abtretung der „sudetendeutschen“
Grenzgebiete an das Deutsche Reich und der Überführung der Tschechoslowakei von der
„Ersten“ in die „Zweite“ Republik übte Swoboda die Funktion als Dekan der Philosophi-
schen Fakultät der Deutschen Universität in Prag aus. Seine Funktionsausübung ist in der
Zeit der Münchener Verhandlungen (16. 9.–17. 11. 1938) durch die Absenz zusammen
mit anderen deutschen Professoren wie den Historikern Wilhelm Weizsäcker70, Heinz
Zatschek71 und Gustav Pirchan72 markiert : Die „Flucht“ ins Reich war als Reaktion auf
die seitens der tschechoslowakischen Regierung gestellte Forderung nach ihrer Unter-
schrift unter eine Erklärung gegen Henleins Proklamation und der Erneuerung des Treue-
gelübdes erfolgt. In Vorbereitung der späteren Übernahme der Deutschen Universität in
die Reichsverwaltung wurde dann der Erlass des Rektorats über Abstammungsnachweis
und Logenerklärung vom 12. August 1939 vom Dekan Swoboda nach acht Tagen weiter-
geleitet73. Die Intensivierung der interdisziplinären Zusammenarbeit innerhalb der Fakul-
68 Ebd.
69 Ebd.
70 Zu ihm siehe Joachim Bahlcke, Wilhem Weizsäcker (1886–1961) Jurist. Rechtsgeschichte und Volksge-
meinschaft, in : Prager Professoren (wie Anm. 2) 391–411 ; Hruza, Wissenschaftliches Rüstzeug (wie Anm.
53) 479–494.
71 Zu ihm siehe Karel Hruza, Heinz Zatschek (1901–1965). „Radikales Ordnungsdenken“ und „gründliche,
zielgesteuerte Forschungsarbeit“, in : Österreichische Historiker (wie Anm. 50) 677–792.
72 Zu Pirchan siehe den Beitrag von Stefan Lehr und Tomáš Borovský in diesem Band.
73 UAP, Deutsche Universität, Philosophische Fakultät, K. 95 (1938/39). Zum Konflikt mit der tschechoslowa-
kischen Regierung siehe Alena Mišková, Die Deutsche Universität im Zweiten Weltkrieg, in : Universitäten
in nationaler Konkurrenz. Zur Geschichte der Prager Universitäten im 19. und 20. Jahrhundert, hg. v. Hans
Lemberg (Veröff. des Collegium Carolinum 86, München 2003) 177–193, hier 179. Die o.g. Professoren
trafen sich in Wien in der sudetendeutschen Anmeldestelle.
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Volume 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Österreichische Historiker
- Subtitle
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Volume
- 2
- Author
- Karel Hruza
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 678
- Keywords
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Category
- Biographien