Page - 435 - in Österreichische Historiker - Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Volume 2
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Karl Maria Swoboda (1889–1977) 435
klassischen Kathedrale“ gesehen, wobei „er das künstlerisch zu realisieren imstande [war],
was dem ganzen gotischen Kunstdenken auf dem regelmäßigen Weg der Kathedralen-
kunst als ein ferner unerreichter Traum erscheinen musste, das Klassische in seiner von
der klassischen Kathedralgotik unerreichten Reinheit“. Mit der Idee der Spätstile wurde
die Klassik als vermeintliche Überwindung der französischen Kathedralgotik und eine
wesentlich deutsche subjektive Hochleistung in späten Zeiten präsentiert120. Auch der
dritte Band war „dem eingeschlagenen Programm und den Gedankengängen des ersten
Bandes dieser Reihe“ verpflichtet121. Diese Arbeit folgte systematisch den Zielsetzungen
der „kunstgeschichtlichen Volksforschung“, indem „die spätstaufische Baukunst des böh-
mischen Raums im Zusammenhang mit folgendem großen übergreifenden geschichtli-
chen Vorgang von Bedeutung [ist] : Im 13. Jahrhundert vollzieht sich die Durchdringung
des ostdeutschen Gebiets mit deutschen Siedlern, die schließlich dem Reich auch volklich
ganz neue Provinzen, ja ein zweites Deutschland eintrug. […] Es gibt heute in vollkom-
men tschechischen Landstätten Innerböhmens, mitten im tschechischen Siedlungsgebiet,
Pfarrkirchen aus dem 13. Jahrhundert, die alle Eigenschaften des sächsischen bzw. donau-
ländischen Übergangstils haben.“122 Nach Vorgaben seines Lehrers Swoboda wurden diese
Gebiete als süddeutsche und norddeutsche Einflussbereiche bearbeitet. Zentrale Rolle
spielten dabei die der Tradition des Gründers des Neuklosters von Citeaux verpflichteten
Zisterzienser, die als ein „deutscher Orden“ an der „deutschen Rücksiedlung hervorragend
beteiligt“ gewesen seien123. Pikanterweise wurde innerhalb des deutschen Einflussberei-
ches auch die Prager Synagoge in einem eigenen Kapitel behandelt124.
Zusammenfassend wurden die Beziehungen des sogenannten Sudetenraumes als Ab-
hängigkeit von den umliegenden Kunstlandschaften gedeutet. Damit – so der Schluss-
satz – habe die kunstgeschichtliche Sonderuntersuchung Ergebnisse geliefert, die mit
denen der Volksforschung übereinstimmten125. Umgekehrt ließe sich sagen, dass die
Kunstgeschichte einen Beitrag zur Volksforschung geliefert hatte. Die 1941 erschienenen
„Sudetenländische[n] Kunsträume im 13. Jahrhundert. Ein Beitrag zur kunstgeschicht-
lichen Volksforschung im deutschen Südosten“ waren als vierter Band der Reihe analog
120 Karl Maria Swoboda, Klassische Züge in der Kunst des Prager Deutschen Dombaumeisters Peter Parler, in :
ders., Bachmann, Studien zu Peter Parler (wie Anm 119) 9–25, hier 9 und 25. Die Plastik galt dabei als
die Verkörperung dieses künstlerischen Wesens. Zum Begriff des „Klassischen“ siehe ebd. 10 die Literaturan-
gabe Hans Rose, Klassik als künstlerische Denkform (München 1937).
121 Die Studie wurde 1938 abgeschlossen, ein Dank ging außer an Swoboda auch an Hans Hirsch, siehe Erich
Bachmann, Eine spätstaufische Baugruppe im mittelböhmischen Raum (Beiträge zur Geschichte der Kunst
im Sudeten- und Karpathenraum 3, Brünn/Prag/Leipzig/Wien 1941) [6] (Vorwort).
122 Ebd. 9.
123 Ebd. 114.
124 Ebd. 40–55.
125 Ebd. 114.
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Volume 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Österreichische Historiker
- Subtitle
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Volume
- 2
- Author
- Karel Hruza
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 678
- Keywords
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Category
- Biographien