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Karl Maria Swoboda (1889–1977) 439
vorstellte141 – verlief letztlich konform zur zeitgenössischen Raumforschung und deren
Interessenlage. Franz ging ebenfalls in seiner Darlegung vom Raum aus, der in geogra-
fischer, politischer und völkischer Hinsicht verstärkt die kunstgeschichtliche Forschung
bestimme. Der Raum Böhmen war demnach „integrierender Bestandteil des Reiches
[…] in jeder Hinsicht geschlossener, auch der größere Block, das geschichtlich Vorherr-
schende, das das politische Zentrum entfaltende der beiden Länder. Mähren ist das klei-
nere, mit offeneren Grenzen“ und von „völlig destruktive[m] Charakter des Ostraumes“
mit „willenlose[r] Aufnahmebereitschaft“ im „Ost-West-Gefälle“, die den Zugezogenen
grenzenlose Freiheit an gestalterischen Möglichkeiten geboten hätte142. Der thematisierte
Kunstimport aus den Zentren Wien und Prag nach Mähren wurde durch „Auflösungs-
erscheinungen des Raumes“ identifiziert143, den politisch-ideologischen Reichskontext
gaben die „Wiedergeburt der Reichsidee“ nach den Türkenkriegen und der vermeintliche
„Reichsstil“ des älteren Fischer von Erlach (Hans Sedlmayr)144.
IV. Kulturverwaltung, Museen und Denkmalpflege
Wie bei den Publikationen kam die Kulturbodenforschung ebenso in der Praxis der
staatlich verwalteten Kultureinrichtungen – Museen, Universitäten, Denkmalpflege –
auf unterschiedlichen Ebenen während des Protektorats zum Tragen. Der Umgang mit
der im Protektorat befindlichen Kunst und Kultur wurde in der Verordnung des Reichs-
protektors zum Schutze der Kulturdenkmäler im Protektorat vom 1. Oktober 1940
grundsätzlich reguliert : Kulturdenkmäler durften aus dem Protektorat bis auf weiteres
nur mit Genehmigung des Reichsprotektors ausgeführt werden. Als Kulturdenkmäler
galten Gegenstände von künstlerischem oder heimatlichem Wert oder von besonderer
141 Ebd. 29.
142 Siehe Heinrich Gerhard Franz, Die deutsche Barockkunst Mährens (Ausstrahlungen der deutschen Kunst.
Deutsche Kunst im böhmisch-mährischen Raum, München 1943) 6f.
143 Ebd. 35, 52.
144 Hinweise auf Hans Sedlmayr, Österreichische Barockarchitektur (Wien 1930) ; ders., Fischer von Erlach
der Ältere (München 1925). Vgl. Helmut Lorenz, Der habsburgische „Reichsstil“ – Mythos und Reali-
tät, in : Akten des XXVII. Internationalen Kongresses für Kunstgeschichte in Berlin 1992 2, hg. v. Thomas
Gaeht gens (Berlin 1993) 163–172 ; Hans Sedlmayr, Die politische Bedeutung des deutschen Barock.
Der „Reichsstil“, in : Gesamtdeutsche Vergangenheit. Festgabe für Heinrich Ritter von Srbik zum 60. Ge-
burtstag, hg. v. Wilhelm Bauer, Ludwig Bittner, Taras von Borodajkewycz, Otto Brunner, Wil-
helm Deutsch, Lothar Gross, Hans Hirsch, Reinhold Lorenz (Wien 1938) 126–156 ; Helmut Lo-
renz, Dichtung und Wahrheit – Das Bild Johann Bernhard Fischers von Erlach in der Kunstgeschichte, in :
Fischer von Erlach und die Wiener Barocktradition, hg. v. Friedrich Pollerross (Wien 1995) 129–146 ;
Aurenhammer, Zäsur (wie Anm. 2) 23–25.
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Volume 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Österreichische Historiker
- Subtitle
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Volume
- 2
- Author
- Karel Hruza
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 678
- Keywords
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Category
- Biographien