Page - 443 - in Österreichische Historiker - Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Volume 2
Image of the Page - 443 -
Text of the Page - 443 -
Karl Maria Swoboda (1889–1977) 443
Er warb dafür auch mit möglichen Vorteilen einer aus Anregungen im Umgang mit Ori-
ginalen schöpfenden Lehre, dem Mitwirken der Studierenden beim Aufbau von Ausstel-
lungen sowie der gemeinsamen Nutzung der expandierenden – um die Lehner- sowie die
Bestände des tschechischen kunsthistorischen Instituts erweiterten158 – Universitätsibib-
liothek159. Zweifelsohne hatte diese Lösung ebenso in der Personalunion Swobodas als des
Leiters beider Einrichtungen eine gewichtige Ursache. Das bereits genehmigte Projekt für
den Neubau der die Sammlungen alter und moderner Kunst zusammenfassenden Staats-
galerie nach dem Entwurf von Josef Gočár musste hingegen den Planungen für die deut-
schen Hochschulen auf dem Letná-Plateau weichen, weil die architektonische Gestaltung
des neuen Museums [Gočárs] in keiner Weise den Anschauungen und Maßstäben […] bei
einem derart bestimmten öffentlichen Bauvorhaben heute im Deutschen Reich entsprach160.
Mit der Gründung der Graphischen Sammlung wurde ein deutlicher Schritt zur
Durchsetzung deutscher Kulturinteressen im Protektorat getan. In seinem Brief vom
18. November 1941 eröffnete Swoboda dem Reichsprotektor sein Konzept für die neu
zu gründende Sammlung, die nach seiner Vorstellung den Status eines selbstständigen
Instituts des Protektorats erhalten sollte. Die Sammlung sollte durch die Übergabe von
Zeichnungen, Aquarellen, Holzschnitten, Kupferstichen, Radierungen usw. aus den Be-
ständen der Landesgalerie (21.000 Blatt), der deutschen und der tschechischen Sektion
der Modernen Galerie (10.000 Blatt), des Landesmuseums (77.000 Blatt) und des Kunst-
gewerbemuseums der Handels- und Gewerbekammer (150 Blatt) entstehen. Damit sollte
letztlich auf institutioneller Ebene die „Germanisierung“ dieser gesamten Bestände reali-
siert werden. Für die Aufbautätigkeit wollte Swoboda während der ersten zwei Jahre zeit-
günstige Ankäufe aus reichseigenen, nämlich beschlagnahmten Beständen an verschiede-
nen Orten tätigen und dafür jeweils 660.000 Kronen zur Verfügung haben (und weiterhin
jährlich 300.000 Kronen). Swobodas Vorstoß wurde durch seine Beauftragung mit der
Errichtung des Kupferstichkabinetts im Rudolfinum als den Anfang einer Neuordnung
der Museumsbestände in Prag brieflich vom Reichsprotektor im April 1942 belohnt161.
Das neu gegründete Kupferstichkabinett war zwar formal an die Landesgalerie angebun-
anlässlich des 200. Jahrestages der Gründung der Bildergalerie der Gesellschaft patriotischer Kunstfreunde in
Böhmen], hg. v. Vít Vlnas (Praha 1996).
158 Ferdinand Josef Lehner (1837–1914), Stifter der Lehner-Kunsthistorischen Anstalt an der Prager Karlsuni-
versität, hinterließ seine Bibliothek dem Kunsthistorischen Institut der (tschechischen) Karl-Ferdinands-
Universität, siehe Nová Encyklopedie českého výtvarného umění 1 [Neue Encyklopedie der tschechischen
bildenden Kunst 1], hg. v. Anděla Horová (Praha 1995) 442, und Biographisches Lexikon zur Geschichte
der böhmischen Länder 2 : I–M, hg. v. Heribert Sturm (München/Wien 1984) 414. Siehe den Brief Swobo-
das an Matějček mit der Mitteilung über die Bibliotheksverlegung, Prag, 18.11.1943. ANG (wie Anm. 3).
159 Swoboda an den Reichsprotektor, 18.11.1941. ANG (wie Anm. 155).
160 Der Reichsprotektor, Abschrift, Prag, 19.09.1939. NA (wie Anm. 151), K. 535.
161 Der Reichsprotektor, 16.04.1942, im Auftrage gez. Fitzek. ANG (wie Anm. 155).
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Volume 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Österreichische Historiker
- Subtitle
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Volume
- 2
- Author
- Karel Hruza
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 678
- Keywords
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Category
- Biographien